Aniversum

Anikas Welt in Wort & Bild

Allein im Dschungel

oder: Warum Pflanzen die besten Mitbewohner sind

Ich teile mein Einzimmer-Appartment mit 27 Mitbewohnern. Das ist praktischer als es klingt, denn: Sie verhalten sich geräuschlos, sorgen für eine gemütliche Atmosphäre und saubere Raumluft. Üblicherweise hören sie auf die Namen Monstera, Gynura, Maranta, Aloe Vera, Begonia Maculata und Co. Adoptiert wurden sie zum großen Teil um die Ecke, also in den nächstgelegenen Baumärkten. Zimmerpflanzen liegen voll im Trend. So richtig realisiert habe ich das erst, als meine bescheidenen Quadratmeter bereits von einer beachtlichen Grün-Truppe bevölkert wurde. Aber wie kam es dazu eigentlich? Wie haben es diese stillen Mitbewohner geschafft, zu einem Trend unter jungen Großstädtern zu werden? Und warum sind Pflanzen die neuen Social-Media-Stars, Hashtag #urbanjungle?

Was in den Köpfen und Blumentöpfen anderer Leute passiert, ist deren Sache. Betrachten wir das Ganze mal aus meiner subjektiven Sicht. Social Media hatte definitiv einen prägenden Einfluss auf meine Mitbewohner-Wahl, wenn auch nicht den entscheidenden. Vor ein paar Jahren sah ich ein YouTube-Video, in dem eine junge New Yorkerin ihre Wohnung vorstellte, die über und über mit Pflanzen bestückt war. Sie hatte das, was man sich wohl am ehesten unter einem echten „Urban Jungle“ vorstellt: eigentlich zu wenig Platz, um so viele Pflanzen zu beherbergen, aber irgendwie ging es dann doch. Und mit Pflanzen kann man es eigentlich nicht übertreiben, oder? Davon war ich nach dem Video jedenfalls überzeugt.

Wenig Platz effizient zu nutzen und gleichzeitig ästhetisch ansprechend zu gestalten, ist eine Kunst, die mich schon lange fasziniert. In den Innenstädten ist Wohnraum teuer, deswegen haben die meisten nicht zu viel davon. Trotzdem wollen wir das Gefühl haben, nicht eingeengt zu leben, sondern eine frische, lebendige Atmosphäre zu kreieren – und vielleicht auch ein eigenes Stück Natur zu hegen und zu pflegen. Als geborenes Schrebergartenkind bin ich froh, dass ich mir ein bisschen Natur in die eigenen vier Wände holen kann, allerdings ohne den Aufwand eines tatsächlichen Schrebergartens. Und ist es außerdem nicht praktisch, drinnen ein Stück draußen zu simulieren? Ich verbringe relativ viel Zeit zu Hause und lege deswegen großen Wert auf eine erholsame Umgebung. Nichts eignet sich dafür besser als Pflanzen. Manch einer mag darauf auch erst durch Lockdown und Ausgangssperren gestoßen sein.

Doch in meinem Fall gibt es noch einen sehr persönlichen Grund, der verantwortlich ist für mein Pflanzenrudel. Der geht so: Eigentlich hätte ich gern einen tierischen Mitbewohner gehabt, aber leider, leider, leider ist das bei meinen multiplen Allergien gar keine gute Idee. Und ich habe ja auch nur sehr wenig Platz, zu wenig für fast alle in Frage gekommenen Haustiere. Also müssen Pflanzen herhalten. Ob sich meine wie ein billiger Ersatz fühlen? Ich glaube nicht, im Gegenteil. Ich habe ihnen jede mögliche Ecke eingerichtet und alle Sonnen-, Halbschatten und Schattenplätze gewährt, die sich eignen. Langsam wird es knapp. Aber wie viele Pflanzen wirklich in ein Zimmer passen, ist reine Einstellungssache (übrigens genau wie bei Büchern, die andere Art von geräuschlosen Mitbewohnern).

Fazit: Pflanzen sind tolle Mitbewohner. Sie meckern nicht, sie halten still, sie müssen nicht Pipi. Sie sehen gut aus, reinigen die Luft, beruhigen meine Nerven und machen meinen Raum zu einer kleinen, feinen Oase. Na gut, manch eine hat auch mal ihre Tage und will partout nicht verraten, warum sie trotz meiner größten Bemühungen den Kopf hängen lässt. Das richtige Maß an Wasser und Dünger zu finden, ist nicht immer selbsterklärend. Oder möglicherweise ist sie dann doch neidisch auf meine nicht vorhandene Katze. Wer weiß. Aber vielleicht kommt ja irgendwann eine ganz neue Züchtung auf den Markt: die Pflanze, die antwortet.

Auf der Suche nach dem Traumleben

Warum ein Traumtagebuch den Unterschied macht

Wir alle träumen. Jede Nacht. Meistens können wir uns nur nicht daran erinnern. Wozu auch? Unsere nächtlichen Abenteuer sind schließlich nicht real. Und alles, was nicht real ist, ist irgendwie unwichtig und Unwichtiges wird nicht im Gedächtnis gespeichert. Logisch. Aber ist das wirklich so unwichtig? Einen großen Teil unseres Lebens verbringen wir schlafend, nämlich ein Drittel. Wäre es nicht ein Geschenk, auch während dieser Zeit Abenteuer zu erleben, anstatt dass wir unsere Träume buchstäblich verschlafen? Was passiert, wenn wir anfangen, uns aktiv mit unseren Träumen zu beschäftigen? Ich wollte es wissen. Mittlerweile läuft mein kleines Experiment schon seit einiger Zeit – um genau zu sein seit dem Frühjahr 2017.

Seitdem führe ich ein Traumtagebuch. Das ist ein besonderes Tagebuch, in das ich direkt nach dem Aufwachen hineinschreibe, was ich geträumt habe – und das ist gar nicht so einfach, wie es klingt. Manchmal drehe ich mich einmal zu viel um und schwupps, wird mein Traum unklar und ich kann mich an kein Detail mehr erinnern, nur ein undefinierbares Gefühl bleibt zurück. Um Träume aufzuschreiben, ist Schnelligkeit alles. Doch daran mangelt es im Halbschlaf fast immer. Mit der Zeit ist meine Traumerinnerung immer besser geworden. Wenn ich mal eine Phase habe, in der mir meine Träume weniger wichtig sind und ich mich nicht mit ihnen beschäftige, nimmt diese Fähigkeit merklich ab. Doch kaum interessiere ich mich wieder stärker für das Thema, erinnere ich mich sehr oft und sehr lebhaft an meine Traumerlebnisse. In meinen Träumen gibt es wiederkehrende Orte und Personen, manche fiktiv, andere halbfiktiv aus Realem und Geträumtem zusammengesetzt. Das Faszinierende ist, dass alles, was im Traum auftaucht, aus einem selbst heraus entsteht. Mit Bleistift kritzle ich die Abenteuer der letzten Nacht nieder und suche darin nach dem roten Faden. Warum ich das mache? Das Ziel ist seit Jahren ein und dasselbe: Luzides Träumen.

Ein luzider Traum ist ein Traum, in dem dir bewusst wird, dass du gerade träumst. Dadurch kann man aktiv auf das Geschehen im Traum Einfluss nehmen und ihn nach den eigenen Wünschen formen. Wer würde nicht gern fliegen oder durch Wände gehen können? Im Traum ist alles möglich. Und im Gegensatz zu einem Tagtraum fühlt sich ein luzider Traum ungemein real an. Wäre es nicht traumhaft, eine alternative Realität zu erleben, die wir mit allen fünf Sinnen wahrnehmen können, aber selbst formen und entscheiden, was wir erleben möchten? Für mich hört sich das so unglaublich an, dass ich mir kaum vorstellen kann, dass es da draußen Menschen gibt, die das nicht gern könnten – wenn sie denn nur davon wüssten, dass so etwas überhaupt möglich ist.

Es heißt, dass jedes Kind luzid träumen kann. Im Laufe des Erwachsenwerdens verlieren die meisten diese Fähigkeit. Erst dann lernt so manch eine/r, was es mit dem luziden Träumen auf sich hat und möchte es wieder erlernen. So geht es mir. Um überhaupt luzid träumen zu können, ist der wichtigste Zwischenschritt, sich regelmäßig an die eigenen Träume zu erinnern. Ein Traumtagebuch ist dafür die wohl beste Methode. Damit suggeriere ich meinem Gehirn: „Hey, meine Träume sind mir wichtig, ich will mich daran erinnern!“

Erzwingen lässt sich ein luzider Traum aber nicht, im Gegenteil. Übung hilft, also das Führen des Tagebuchs, sogenannte Realitäts-Checks, vor allem aber ein Trick, der so banal wie naheliegend ist: die Beschäftigung mit dem Thema während des Wachseins. Im Internet zirkulieren zahlreiche Methoden, die das luzide Träumen begünstigen sollen, deswegen erspare ich mir eine komplette Anleitung. Nur so viel sei gesagt: Neben einem Traumtagebuch ist ausreichender Schlaf und ein regelmäßiger Rhythmus wichtig. Oft ist die Traumerinnerung dann besonders stark, wenn man morgens kurz aufwacht und dann nochmal einschläft. Außerdem kann es wirksam sein, sich im Laufe des Tages immer mal zu fragen, wie man an einen bestimmten Ort gekommen ist und zu visualisieren, was man vor der aktuellen Handlung eigentlich getan hat. Im Gegensatz dazu passiert im Traum nämlich alles einfach so, ohne Kontext. Und das kann der entscheidende Punkt sein, der zur Bewusstwerdung führt und eine Steuerung des Traums ermöglicht.

Obwohl ich mich immer besser an meine Träume erinnern kann, sind die Szenen und die Gefühle, die ich erlebe, oft so nah an meiner realen Realität, dass ich leider extrem selten merke, dass ich träume. Letztlich spielt Entspannung meiner Meinung nach eine Hauptrolle. Wer sich oft gestresst und unter Druck fühlt, wird dies auch in Träumen erleben – dann zu realisieren, dass das alles nicht real ist, ist ein Kunststück, auf das mein Unterbewusstsein meistens keine Lust hat. Aber ich gebe nicht auf. Die Fähigkeit zum luziden Träumen kann sich in jeder Lebensphase ändern, also sich verbessern oder auch wieder abnehmen. Allein die Erinnerung an meine Träume ist bereits wahnsinnig aufschlussreich. Ich sehe darin Muster, wiederkehrende Themen und manchmal auch Probleme, die meinem Unterbewusstsein offenbar sehr wichtig sind, die ich im wachen Zustand aber lieber wegschiebe. Träume lügen nicht. Ich bin mittlerweile überzeugt: Wer verstehen will, wer er oder sie wirklich ist, sollte anfangen, sich mit den eigenen Träumen zu beschäftigen. Luzide Träume sind dann eher das Sahnehäubchen.

Street Art in Leipzig — ein Streifzug

Leipzig ist nicht Berlin, auch wenn der Vergleich immer wieder herangezogen wird, damit Leipzig noch hipper erscheint, als es eh schon ist. In Sachen Street Art habe ich jedenfalls keine Wunderwerke erwartet. Zu recht?

Es grüßt das Plagwitzer Zauberkrokodil mit Familie.

Kürzlich habe ich mich mit offenen Augen auf ein paar Streifzüge begeben und bewusst nach allen Ausdrucksformen der Graffiti Ausschau gehalten. Dabei habe ich keinen Unterschied zwischen dekorativen Auftragswerken und aufwendig bis schnell hingesprühten Tags gemacht, ob legal oder illegal, sondern alles, was ich finden konnte, auf mich wirken lassen.

Drück drauf am Kunstkraftwerk

Eins vorab: Die Leipziger Graffiti-Szene ist aktiv und allseits präsent. Natürlich gibt es nicht die Szene, denn dafür sind die Werke viel zu divers — divers genug, um die uralte Frage aufzuwerfen: Was ist Kunst? Und: Was will und soll Kunst überhaupt?

Es lebe die Popkultur — an der Karl-Heine-Straße

Prägnante, sehenswerte Wandmalereien und Paste-ups (Plakate und Drucke, die an Fassaden angeklebt werden) kondensieren sich in ausgewählten Stadtteilen, allen voran im Leipziger Westen. In Plagwitz lässt sich eine Art Best Of Street Art bewundern und die kreativen Ausdrucksformen scheinen grenzenlos. Kunst ist hier von Haus aus ins Stadtbild integriert.

Nicht sicher vor ungefragten Ergänzungen — zwei der bekanntesten Graffiti auf der Karl-Heine-Straße

Die zahlreichen Galerien und Ateliers auf dem Gelände der ehemaligen Baumwollspinnerei und das nur wenige Schritte entfernte Kunstkraftwerk, zementieren Plagwitz‘ Status als kunstaffinstes Leipziger Stadtviertel. Allein auf dem Gelände dieser beiden Kult(ur)stätten haben sich zahlreiche Street Artists verewigt. In keinem anderen Stadtviertel ist Street Art derart experimentell und trägt zur Identität des Stadtbildes bei.

Freiheit aushalten / Bunte Kugeln / Respect Street Art
Best Of Paste-ups auf dem Spinnerei-Gelände in Plagwitz

Viele Auftragswerke, die im Leipziger Stadtgebiet verteilt sind, tragen die Signatur des in Connewitz ansässigen Graffitiverein e. V., der zahlreiche Fassaden von Wohngebäuden, Kitas und Schulen dekoriert hat. Die Malereien sind schön anzusehen und werten die Gebäude meistens stark auf. Die Präsenz des Graffitivereins zeigt, dass in der Stadt Akzeptanz für Straßenkunst aufgebracht wird. Mir als Betrachterin sagt die Signatur des Graffitivereins: Öffentliche Malerei wird so wertgeschätzt, dass sich Auftraggeber finden, die bereit sind, dafür Geld zu bezahlen. Straßenkunst ist so schick und in, dass auch öffentliche Einrichtungen ihr Image damit aufwerten möchten.

Zentrumsnahe Werke des Grafittiverein e. V.

Dagegen steht die Präsenz vieler anderer Sprühambitionen. Ist das Street Art oder kann das weg?, frage auch ich mich oft beim Anblick der unzähligen geschmierten Wörter, die die Hauswände der Stadt überziehen. Was häufig nach sinnlosen Verunstaltungen und ungebetenen ersten Graffiti-Übungen aussieht, wird in aller Regel illegal angebracht und wirft in meinen Augen doch immer wieder die eine drängende Frage auf: Wem gehört eigentlich die Stadt?

Mir?

Hinter so manchen Kürzeln verbergen sich rivalisierende Graffiti-Kollektive, die um die visuelle Vorherrschaft im Stadtviertel buhlen. Einige dieser sogenannten Tags lassen sich im ganzen Leipziger Stadtgebiet beobachten. Da wäre allen voran SNOW, ein Tag, der für „Süden, Norden, Osten, Westen“ steht, und sich seit den 90er Jahren erfolgreich an nahezu jeder Straßenecke festgesetzt hat. Auch andere Graffiti-Crews haben sich in der Messestadt verewigt. Ins Auge stechen mir immer wieder TACO, UKI, RCS, ORG und andere Verdächtige. Die Menge an Crew- und Einzel-Tags kennt keine Grenzen. Dahinter verbirgt sich die heimliche Welt der Sprayer*innen, deren Kürzel als stumme Zeugen nach nächtlichen Aktionen das Tageslicht erblicken und Nicht-Eingeweihten ein Rätsel aus unverständlichen Buchstabenkombinationen bleiben. Ist das nun Sachbeschädigung oder, wie Mitstreiter*innen des SNOW-Kollektivs in einem Interview behaupteten, bloße Sachveränderung? Und wenn ja, wozu?

Beispiele „viraler“ Tags

Neben allerhand Tags gibt es noch die „sprechenden“ Hauswände, die von Sprüchen bevölkert werden, die wenig dekorativen Wert haben, sondern pinnwandartig mit mir als Fußwegpassantin in Kontakt treten. Manche haben etwas zu sagen, andere wollen nur smalltalken. „Why is it so dark in here?“, fragt mich eine Reudnitzer Hauswand. Ob sie die Besprühung verdient hat, ist eine andere Frage. Ironische und vor allem unbequeme Fragen sind bekanntermaßen keine Auftragswerke.

Ja, warum eigentlich? Dunkel, dreckig, Reudnitz eben.

Meine bisherigen Streifzüge haben viel Licht ins Dunkel gebracht und noch mehr Fragen aufgeworfen. Die Welt der Street Art ist ein eigenes Universum mit eigenem Vokabular und Insider-Wissen, das sich nur bedingt im Netz recherchieren lässt. Doch ich werde weiter mit wachem Blick nach gesprühten Botschaften und versteckten Kunstwerken Ausschau halten. In diesem Sinne: Bis zum nächsten Streifzug!

„Gridalo“ – Manifest der Zivilcourage

Wir leben in einer Welt, in der es machbarer scheint, fremde Planeten zu besiedeln, anstatt den Klimawandel abzuwenden. Zukunftsdystopien haben längst gewonnen und Utopien sind nur noch was für Realitätsverweiger*innen. Wer fühlt sie nicht? Die Ohnmacht im Angesicht der globalen Herausforderungen des 21. Jahrhunderts und die Unbedeutung des eigenen Lebens, obwohl wir doch so vernetzt sind wie nie zuvor. Du bist nur ein kleiner Mensch. Was kannst du schon bewirken?

Mehr als du denkst. Denn Geschichte wird von Menschen geschrieben und es sind die Geschichten von Einzelpersonen, die das große Ganze formen. Wenn Lebensgeschichten eine Stimme hätten, dann würden einige von ihnen besonders laut schreien. Es sind keine blinden Wutschreie, sondern Schreie der Empörung, die für das Leben einstehen, es verteidigen, es feiern. Schreie des Widerstandes gegen schreiende Ungerechtigkeiten, ein Aufruf zur Menschlichkeit, jener Menschlichkeit, deren Würde mehr wiegt als die Macht jeglicher politischen und wirtschaftlichen Systeme, mehr als die Willkür derer, die das Leben verachten.

Ein Buch wie ein Schutzschild

Im Oktober letzten Jahres erschien Roberto Savianos neues Buch „Gridalo“ – zu deutsch etwa: „Schrei es hinaus!“ Darin treffen wir auf Menschen, die für ihre Ideen und Überzeugungen eingestanden, sie mit jeder Faser ihres Seins verteidigt haben – und dafür einen hohen Preis zahlen mussten, oft keinen geringeren als ihr Leben. Saviano versammelt in seinem neuen Buch zahlreiche Persönlichkeiten, manche bekannt, manche unbekannt; Menschen, die Bewundernswertes geleistet, sich für Freiheit und Menschenrechte stark gemacht haben und trotzdem keine Heiligen waren, sondern Personen mitten aus dem Leben; Menschen, die scheinbar zur falschen Zeit am falschen Ort waren; aber auch Menschen, deren hasserfüllte Weltbilder wir zuerst demaskieren müssen, um ihnen dann entschieden entgegentreten zu können. Saviano möchte den Blick seiner Leser*innen schärfen und setzt viele Perspektiven zu einem Mosaik zusammen.

Auf dem Buchrücken heißt es: „Schrei hinaus, dass alles sich ändern kann. Schrei es laut. Ich möchte dich an einen Punkt mitnehmen, an dem du dich verlieren wirst. An den Punkt, an dem ich angekommen bin, damit du von dort aus aufbrechen kannst, wo ich nicht weitergekommen bin. Ich möchte nicht, dass du Wege zurücklegst, die schon festgetreten sind und die dich auf einem vorgezeichneten Pfad festhalten. Ich möchte dir keine Vorsicht lehren, im Gegenteil: Ich möchte dich an den Punkt führen, an dem Vorsicht zum Wagnis werden muss, und Weisheit zu Wagemut, denn vielleicht schafft man es nur so, einen neuen Weg zu zeichnen.“

Bevor wir uns auf den Weg machen, gibt Saviano den Leser*innen eine Karte in die Hand. Es ist keine gewöhnliche Karte, die zur besseren Orientierung dient, sondern eine Art moralischer Kompass, der ins Dickicht der entscheidenden Lebensfragen führt:

Die Landkarte in „Gridalo“: ein moralischer Kompass, der es in sich hat.

Mit dieser Landkarte unbequemer Fragen im Gepäck treffen wir auf Menschen, deren Geschichten eine Antwort sein können, Geschichten anhand derer Saviano Position bezieht und die einen oft sprachlos zurücklassen. Wir treffen beispielsweise Ipazia, Giordano Bruno, Anna Achmatowa, Robert Capa, Jean Seberg, Martin Luther King, Francesca Cabrini, Anna Politkowskaja, Jamal Khashoggi, Edward Snowden, Daphne Caruana Galizia und sogar George Floyd. Auch vor den Geschichten unerwarteter Personen schreckt Saviano nicht zurück, im Gegenteil. So wird zum Beispiel Joseph Goebbels‘ Psyche zum Lehrstück darüber, wie Propaganda funktioniert und wie wir sie entlarven können, um ihr nicht zum Opfer zu fallen. Emotional am stärksten hat mich allerdings die Geschichte eines jungen italienischen Architekten-Paares getroffen, die nach London ausgewandert sind, um ihr Glück fernab ihrer krisengebeutelten Heimat zu finden – doch dann kam auf tragische Weise alles ganz anders.

Die Auswahl der Geschichten wurde sorgsam getroffen und basiert offensichtlich auf den Einflüssen, die bestimmte Personen auf Saviano hatten. Damit ist es sein bisher persönlichstes Buch. Mitunter schreibt er in der Du-Form, wendet sich damit mal an die Leserschaft, mal an sein jüngeres Ich. Zwischen all diesen eindrücklichen Geschichten, die gleichzeitig ins Mark treffen und unheimlich lehrreich sind, fehlt allerdings eine, vielleicht die wichtigste. Die von Roberto Saviano selbst. Seine eigene findet sich in Spuren überall im Buch, denn sie ist eingewebt in die Erzählungen, die er ausgewählt hat. Ich möchte einen Versuch unternehmen, Savianos Geschichte zu ergänzen, wenn auch nur in einer Kurzform, die ihm nicht gänzlich gerecht wird.

Roberto hat sich in seinem eigenen Leben früh entschieden, wofür er einsteht. Mit gerade einmal 26 Jahren veröffentliche er sein Erstlingswerk „Gomorrha“, in der er detailliert die Machenschaften der Camorra, der neapolitanischen Variante der Mafia, beschreibt und anprangert. Diese mit Fakten aufgeladene Nonfiction-Novel ist stets weit mehr gewesen als ein Tatsachenbericht, sondern bezieht eindeutig Position: Die Camorra und das organisierte Verbrechen zerstören seine Heimatstadt Neapel, unterwandern die italienische Politik, sind gefährlich erfolgreiche Player auf der Bühne der internationalen Wirtschaft. Ihre Macht gründet sich auf Einschüchterung und Mord, umgeben aus Mauern des Schweigens in einem Klima der Angst. Seit eh und je wird Roberto vorgeworfen, er habe in seinem Erstlingswerk nichts Neues erzählt. Na und?

Roberto hat es geschafft, die Camorra auf eine Weise zu erzählen, die tausenden Menschen die Augen geöffnet und das Thema in die internationale Öffentlichkeit katapultiert hat. Es gibt eine Zeit vor „Gomorrha“ und eine danach, ein Erdstoß, der seinesgleichen sucht. Seither wird Roberto beschuldigt, er sei darauf aus, sich auf Kosten des guten Rufes Neapels und Italiens zu bereichern. Der Überbringer der schlechten Nachrichten wird zur größeren Zielscheibe als die eigentlichen Urheber des Übels. Es ist eine Parabel, die in der Menschheitsgeschichte immer wieder funktioniert hat und die auch in „Gridalo“ ein Hauptthema ist. Und dabei hat ein junger Mann für sein Buch lediglich den richtigen Ton gefunden, der die Leserschaft italien-, europa- und weltweit so getroffen hat, dass diese Geschichten auch die unseren geworden sind.

„Gomorra“ (2006)

„Gomorrha“ (auf Deutsch mit h) verkaufte sich so gut, dass die Protagonisten – die kriminellen Clans der Camorra und ihre Ableger – das Buch nicht mehr ignorieren konnten. So viel Aufmerksamkeit schadet dem organisierten Verbrechen, das am besten in völliger Dunkelheit fernab des öffentlichen Schlaglichtes operiert und floriert. Je mehr Menschen Roberto zuhörten, desto mehr Morddrohungen erreichten ihn. Schon bald bekam er die Gewalt der Macht, mit der er sich angelegt hatte, zu spüren, als sein Buch sich nach der Erscheinung immer rasender verkaufte – bis heute weit über 2 Millionen allein in Italien und 10 Millionen weltweit, übersetzt in 52 Sprachen. Nach wiederholten Morddrohungen vonseiten der Clans, die in seinem Buch im Zentrum stehen, griff der italienische Staat ein und stellte Roberto unter Polizeischutz. Seither lebt er unter strengen Sicherheitsvorkehrungen an wechselnden Orten, teilweise im Ausland, stets mit einem mehrköpfigen Personenschutz an seiner Seite.

In Italien gibt es wahrscheinlich kaum eine Person, die keine Meinung über Roberto Saviano hat, natürlich unabhängig davon, ob seine Bücher gelesen wurden oder nicht. Er ist Nestbeschmutzer, Sündenbock, Hassfigur auf der einen und Antimafiaheld, Vorbild, Gewissen der Nation auf der anderen Seite. Roberto hat sich seit jenem verhängnisvollen Jahr 2006 nicht unterkriegen lassen und kämpft. Jeden Tag. Er ist präsent mit seinen Artikeln in großen Tageszeitungen, mit kritischen TV-Beiträgen, auf Social Media, längst nicht mehr nur zu Themen des organisierten Verbrechens, sondern als Multiplikator der Anliegen vieler Aktivist*innen und als Erklärer unzähliger politischer Zusammenhänge. Dank der großen öffentlichen Aufmerksamkeit ist er weiterhin Zielschiebe täglicher Schmähkommentare und Verleumdungen, aber gleichzeitig vor dem langen Arm seiner Widersacher geschützt.

Manchmal, in stillen Momenten, vielleicht darf Roberto dann auch kurz das sein, was wir alle sind: ein Mensch, kein Symbol. Einer, der unumstößlich an die Kraft des Wortes glaubt und davon überzeugt ist, dass sie den Lauf der Welt verändern kann. Stell dir vor, kein Mensch hätte sich für „Gomorrha“ interessiert und es wäre in den Bücherläden verstaubt… Deswegen wird Roberto nie müde zu sagen, dass es nicht Bücher sind, die den Mächtigen Angst einjagen, nein, es sind die Leser*innen, die vielen, vielen Augen, die diese Geschichten aufsaugen und zu ihren eigenen erklären. Erst dann bekommen Worte ein Gewicht, das die Mächtigen in Bedrängnis bringt. Lesen ist deshalb kein passiver Zeitvertreib, sondern eine aktive Schulung des Geistes, die Veränderung anstoßen kann.

„Gridalo“ erscheint 14 Jahre nach „Gomorrha“ und präsentiert sich als Quintessenz all jener Persönlichkeiten und Geschehnisse, die Robertos Denken in seinem Leben unter Polizeischutz bisher geprägt haben. Es ist für mich mehr als ein Buch, das ich ins Regal stelle, sobald es ausgelesen ist; es ist eines der seltenen Bücher, die mit der Stimme eines Freundes sprechen, der dich bestärkt, dich auffängt, dich lehrt, dich aufwühlt, dich auffordert dort hinzuschauen, wo es am unangenehmsten ist – weil er dein Bestes will, nicht möchte, dass du die gleichen Fehler machst wie er, sondern deine eigenen begehst. Und dir die Welt mit seinem Blick zeigt, der dir so vertraut und trotzdem immer wieder neu ist. Um es mit den Worten J. D. Salingers zu sagen: „Was mich richtig umhaut, sind Bücher, bei denen man sich wünscht, wenn man es ganz ausgelesen hat, der Autor, der es geschrieben hat, wäre irrsinnig mit einem befreundet und man könnte ihn jederzeit, wenn man Lust hat, anrufen.“

↑ Hier im Bild: Weihnachten, Geburtstag und alle anderen Feste zusammen. ٩(˘◡˘)۶

Ich bin nur ein Mensch, einer wie alle anderen, die wir uns gleichen und doch so unterschiedlich sind; mit all unseren Geschichten schreiben wir gemeinsam Geschichte. Du kannst einen Unterschied machen, weil genau du in der Welt bist. Beim Lesen von „Gridalo“ habe ich durchweg ein Gefühl tiefer Dankbarkeit darüber verspürt, dass ich Italienisch als meine zweite Fremdsprache erwählt habe – meine über alles geliebte Adoptivsprache, die mich fast jeden Tag bereichert. Trotzdem bin ich schon sehr gespannt auf die deutsche Übersetzung und kann es kaum abwarten, sie zahlreich zu verleihen und zu verschenken.

Schrei, dass alles sich ändern kann.
Schrei, wenn auch in dir die Gewissheit zu siegen droht, dass sich niemals etwas ändern wird.
Gridalo che tutto può cambiare. Gridalo forte.

R. S.

Stadtmensch und Natur – ein kompliziertes Verhältnis?

Unser Obst und Gemüse kommt aus dem Supermarkt. Unsere Naherholung finden wir im Stadtpark. Wenn wir in unserem Alltag nach Natur suchen, häufen wir Zimmer- und Balkonpflanzen an und – wer es sich leisten kann – richtet sich eine Privat-Oase im Schrebergarten ein. Da stellt sich die Frage: Ist das noch Natur oder eigentlich nur Seelenkosmetik? Welchen Bezug haben wir modernen Stadtmenschen zur Natur, zur Wildnis – und zu uns selbst?

Natur, wo bist du?

Gerade während der Zeit des Lockdowns habe ich oft diese Tage, an denen ich mich so fühle: Ich will raus, aber nicht „raus“, sondern richtig RAUS – zum Beispiel in den Schwarzwald oder nach Skandinavien, irgendwohin wo die Wälder endlos scheinen und der Mensch zu einem ganz kleinen trollartigen Wesen schrumpft, das nur eines unter ganz vielen ist, umgeben von dichten Bäumen, die hier schon lange vor meiner Zeit friedlich geherrscht haben und auch lange nach mir – hoffentlich – noch das Bild bestimmen.

Schwarzwald I

Wenn wir bewusst auf die Geräusche im Park und im Stadtwald lauschen, dann nennt sich das für uns Stadtmenschen „Achtsamkeit“, weil wir so etwas in unserem hektischen, digitalen Alltag nicht von alleine tun, sondern aktiv (wieder-)erlernen müssen. Smartphones zu bedienen, Webseiten zu bauen und Trends auf Social Media zu erkennen – das sind die Skills der Zeit. Pflanzen zu bestimmen, Tierspuren zu lesen und das Wetter einzuschätzen… das ist eher was für Natur-Nerds oder Leute, die sowas vom Studium aus können müssen, denn etwas derartiges braucht der moderne Stadtmensch zur Orientierung in seiner Lebenswelt nicht. Das sind keine profitablen Fähigkeiten, nur Spezialinteressen. Der moderne Stadtmensch müht sich an seinen Zimmerpflanzen ab und wundert sich, wenn schon wieder eine eingegangen ist. Das ist eben unsere moderne Natur. Oder?

Zurück zur Natur?

Dass der Mensch zurück zur Natur müsse, ist keine Idee des 21. Jahrhunderts. Schon früher hat man sich darum gesorgt, dass der Mensch sein Band zur Natur verliere. Zum Beispiel im 18. Jahrhundert beobachtete Jean-Jacques Rousseau, dass die Zivilisation den Menschen korrumpiere und dazu führe, immer mehr materielle Güter anzuhäufen und sich in Wettbewerb mit seinen Mitmenschen zu begeben. Man orientierte sich an den anderen, vor allem an denjenigen, die (scheinbar) mehr besaßen als man selbst – so reich, schön und angesehen wie nur möglich wollte man sein. Kennen wir, nicht? Rousseau behauptete, der Mensch verhalte sich so, weil er sich von seinem Naturzustand entfernt habe. Konträr zu Hobbes Menschenbild ist der Mensch in seinem ursprünglichen Zustand keine Bestie, die erst durch Herrschaft gebändigt werden müsse, sondern im Grunde friedfertig und gut – solange ihn das Stadtleben, kurz: die Zivilisation, nicht verdirbt.

Willkommen im Stadtwald 🙁

Leipzig ist eine vergleichsweise grüne Großstadt mit vielen Parks und beträchtlichem Stadtwald. Doch wo viele Menschen sind, tummeln sich alle dort, wo es am schönsten ist, besonders wenn die Sonne scheint. Der Leipziger Stadtwald ist bevölkert von Projekten, die ein Leben und Arbeiten mit der Natur simulieren, aber auch an jeder Ecke deutlich machen: Hier war Mensch. Und der Stadtwald hat klare Grenzen, die nächste Straße ist nie weit. Sich darüber zu ärgern bringt nichts, denn ich bin ja freiwillig in die Stadt gezogen, um all ihre Vorteile zu genießen. Über die Nachteile kann ich immerhin halbwegs naturverbunden in einem Tipi meiner Wahl sinnieren…

SOS: Steigende Mietpreise drängen Leipziger*innen zum Umzug in den Stadtwald

Ich wundere mich oft: Ist die Verbindung zur Natur eine, die wir tatsächlich verlieren können? Der Mensch ist Natur. Das mag biologisch gesehen klar und banal sein. Doch was bedeutet das wirklich für unsere Lebensrealität? Sind wir uns bewusst, dass wir Natur sind? Gehen wir mit uns selber so um, wie wir mit der Natur umgehen? Ja, leider ja. Wenn wir miteinander (und uns selbst) so respekt- und liebevoll umgehen würden wie wir große Landschaften betrachten – reißende Flüsse, ewige Wälder, die Dunkelheit unbekannter Meerestiefen, die Ehrfurcht einflößenden Höhen der Berge, die allumfassende Macht von Stürmen, Tsunamis, Erdbeben, Vulkanausbrüchen. Natur macht demütig. Wir sind Natur und wenn wir die Natur nicht respektieren, dann passiert das, was überall auf der Welt geschieht: Wir respektieren auch nicht einander, auch nicht uns selbst.

Natur als spiritueller Weg und heilende Kraft?

Ist es nicht eine narzisstisch-patriarchale Wahnvorstellung, dass Gott – sofern es ihn denn gibt – männlich ist und unsere Spezies nach seinem Ebenbild schuf? Da will irgendetwas nicht aufgehen. Weitaus sympathischer begegnet mir die Vorstellung, dass das Göttliche überhaupt kein körperliches Wesen mit bestimmbarem Willen ist, sondern die Natur in ihrer Gesamtheit, die Natur als übermächtiges, launenhaftes Wesen, das jedes einzelne Lebewesen durchdringt und der wir alle unterworfen sind – und die uns die Bedingungen des Lebens überhaupt erst reichlich zur Verfügung stellt. Nicht Untertan soll sich der Mensch die Erde machen, sondern als Teil des großen Ganzen all das pflegen, was wachsen und gedeihen möchte, und das schließt alle Mitlebewesen ein.

Schwarzwald II

Bist du schon mal in einem tiefen Wald gewesen und hast all deine Alltagssorgen vergessen? Oder hast das Meer betrachtet, die Wellen, die kommen und gehen, und ihren eigenen Willen zu haben scheinen? Natur lässt dich so sein wie du bist. Du musst nichts leisten, niemanden beeindrucken, du kannst einfach sein – so wie es deiner Natur entspricht. Natur fordert und erwartet nichts von dir. Die Zeit fließt wieder in ruhigen Bahnen. Für die Natur zählt der Moment. Bist du jetzt gerade präsent? Spürst du deinen Atmen? Hörst du das Rauschen der Blätter und das Singen der Vögel? Oder… nur das deines Computer, so wie ich gerade? 😉 Natur lehrt uns Geduld. Um ihr volles Potential zu entfalten, braucht es manchmal nur einen Augenblick, manchmal Jahre, Jahrmillionen. Alle Wege sind richtig, wir alle entfalten uns im Tempo der eigenen Natur, darauf sollten wir ein Recht haben, so wie die Natur ein Recht auf Unversehrtheit haben muss.

Schwarzwald III

Und Natur lehrt uns Resilienz. Der älteste bekannte Baum der Welt ist „Old Tjikko“ und steht in einem schwedischen Nationalpark. Sein Alter wird auf über 9500 Jahre geschätzt. Als ich davon zum ersten Mal hörte, stellte ich mir „Old Tjikko“ so imposant vor, wie ein steinalter Baum nur sein kann – und war verwundert, als ich ihn auf Bildern sah. In Wahrheit handelt es sich um eine halbkahle Fichte, die etwas unbeholfen in die Höhe ragt. Das Beeindruckende ist nicht das, was oberhalb liegt, denn der Stamm wird nur einige hundert Jahre alt – und stirbt. Über viele Jahrtausende erhalten bleibt jedoch das Wurzelwerk, das nach dem Absterben eines Stammes wieder einen neuen hervorbringt und doch das gleiche Wesen bleibt.

Schwarzwald IV

Der Natur wohnt eine heilende Kraft inne. Wenn ich so etwas als (semi-)überzeugter Stadtmensch und eigentlicher Atheist sage, komme ich mir ein wenig pseudo-spirituell vor. Dabei spüre ich, wenn ich von echter Natur umgeben bin, genau das Gegenteil: Nämlich, dass alle Kategorien und Rechtfertigungen aufhören und ich einfach zur Ruhe komme. In einer Studie wurde kürzlich sogar herausgefunden, dass Stadtbäume nachweislich einen positiven Effekt auf die Psyche haben und antidepressiv wirken. Und da reden wir nur von Stadtbäumen, den stillen Kriegern zwischen Beton, Feinstaub und Abgasen. Was dann wohl ein längerer Aufenthalt im Wald bewirken kann? Sicherlich nicht weniger als so manche Therapie. Warum ist Natur-Therapie eigentlich noch kein Ding? In der Zwischenzeit tröste ich mich mit der Musik der Pagan-Folk-Band „Heilung“, die jedes ihrer Live-Konzerte mit dem folgendem Mantra eröffnet:

Remember that we all are brothers,
All people,
and beasts and trees,
and stone and wind.
We all descend from the one great being
That was always there
Before people lived and named it
Before the first seed sprouted.

Heilung
Pilzfamilie im Schwarzwald

Besser Italienisch lernen: Erprobte Empfehlungen

Was braucht es, um die Früchte des Sprach-Erfolgs zu ernten? Zitronenbäume!

Eins vorweg: Ich habe noch nie ein italienisches Grammatik-Lehrbuch von innen gesehen. Und das ist auch gut so, denn Sprachen lernen sich am besten aus dem Kontext heraus. Lehrbücher sind sowieso zunehmend out, denn es gibt mittlerweile eine Lawine an Medien, mit denen es sich viel unterhaltsamer und kreativer lernen lässt. Das gilt besonders für Italienisch – meine Lieblingsadoptivsprache.

Nachdem ich in den letzten Jahren einige (teilweise sehr gute) Präsenz-Sprachkurse besucht habe, bin ich mittlerweile coronabedingt und videokonferenzmüde zum reinen Selbststudium zurückgekehrt und damit aktuell zufrieden. Wer Lern-Ressourcen für Italienisch sucht, hat die Qual der Wahl. Ich möchte deswegen keine ausufernden Empfehlungslisten erstellen, die mit ihrem Informations-Overkill keine echte Entscheidungshilfe sind – solche gibt es schon zuhauf. Lieber stelle ich einige Medien vor, die mir persönlich besonders gut gefallen und von denen ich der Meinung bin: Als Lernende*r der italienischen Sprache solltest du das unbedingt kennen! Cominciamo!

Auf geht’s…

Videos und Podcasts

Auf Youtube gibt es Unmengen von Kanälen, die sich der Vermittlung der italienischen Sprache verschrieben haben. Da die Konkurrenz also nicht gering ist, wird man leicht fündig und letztlich ist es eine reine Geschmacks- und Sympathiefrage bei welchen Lehrer*innen man hängenbleibt. Der italienischen Sprachlehr-Community, die mich am besten abholt, ist gemeinsam, dass sie einen sprachwissenschaftlichen Hintergrund mitbringt und ihre Muttersprache mit viel Leidenschaft und Kreativität an die Lernenden bringt. Meine persönlichen Favoriten, die ich regelmäßig schaue und höre, lassen sich einkreisen auf:

I. Learn Italian with Lucrezia

– auch bekannt als der wahrscheinlich populärste Kanal zum Italienischlernen. In den Weiten des Internets ist Lucrezia mittlerweile zur inoffiziellen Botschafterin der italienischen Sprache und Kultur avanciert. In ihren Videos erklärt sie mit vielen guten Beispielen bestimmte Sprachaspekte. Am Ende gibt es oft ein kleines Quiz zum spielerischen Selbsttest. So macht Grammatiklernen Spaß. Die Einheiten sind stets kurz und knackig und eignen sich damit perfekt zum Zwischendurchschauen. Neben zahlreichen Lerntipps, findet man bei Lucrezia die wahrscheinlich besten italienischen Alltags-Vlogs. So schauen wir ihr beim Kochen, Backen und Schlemmen über die Schulter, sind dabei, wenn sie ihren allabendlichen Aperitif genießt und die Geschichte hinter der Tradition erzählt. Außerdem begleiten wir sie beim Einkaufen, beim Gassigehen mit ihrem Hund Famas – ein absoluter Zuschauerliebling – und auf all ihren Wegen durch ihre Heimatstadt Rom. Gerade in Lockdown-Zeiten ein echter Trost für alle, die wenigstens virtuell ein bisschen Zeit in der italienischen Hauptstadt verbringen möchten.

Von mir empfohlenes Lernlevel: ab A2, Option für englische Untertitel ist in der Regel vorhanden

II. LearnAmo

Direkt aus dem schönen Apulien beglücken uns Graziana und Rocco mit ihrem Kanal LearnAmo. LearnAmo hält eher klassische Themen der italienischen Sprachwelt bereit, liefert aber auch echte kulturelle Insider-Tipps, die oft von Grazianas humorvoller Art begleitet werden. Immer mal wieder gibt es kleine Selbsttets. Besonders zum Festigen der Grammatik finde ich diesen Kanal sehr wertvoll, denn er nimmt mir genau das ab, worauf niemand wirklich Lust hat: das Wälzen von Grammatik-Büchern. Rocco und Graziana gehen auf typische Fehler ein und liefern viele beispielhafte Dialoge. In die Videos fließt sichtbar viel Arbeit und Leidenschaft mit dem Anspruch, Lernende auf allen Sprachniveaus abzuholen. Um zwischendurch wieder zu entspannen, darf auch der gelegentliche Ausflugs- und Reise-Vlog nicht fehlen. LearnAmo punktet für mich aber vor allem in der Videogestaltung und in Sachen Humor.

Von mir empfohlenes Lernlevel: A1-B2, Option für englische Untertitel ist in der Regel vorhanden

III. Podcast Italiano

Mein Lieblingskanal ist Podcast Italiano von Davide aus Turin. Auch wenn der Titel des Projekts nicht gerade vor Kreativität sprüht, so ist er wahnsinnig effektiv, weil er in der Suche quasi sofort auftaucht. Denn Davide produziert nicht nur Videos, sondern stellt auch kostenfreie Podcasts, z. B. auf Spotify, zur Verfügung. Da ich persönlich Podcasts noch lieber mag als Videos, komme ich hier voll auf meine Kosten.

Während es im Podcasts meistens um Meinungen, kulturelle Betrachtungen und das ein oder andere Interview geht, widmet sich Davide in seinen Videos besonders linguistischen Reflexionen. Seine spannenden Analysen zur Entwicklung und Bedeutung der italienischen Sprache haben ihm sogar viele italienische Abonennt*innen eingebracht. Wenn ein Sprachlernkanal sogar Muttersprachler*innen begeistert, ist das ein sicheres Indiz dafür, dass die Inhalte fundiert aufbereitet sind.

Wie bei jedem guten Youtube-Kanal dürfen auch Vlogs nicht fehlen, ob man sie nun mag oder nicht. So nimmt uns Davide immer mal auf Wegen durch seine Heimatstadt Turin mit oder auf Ausflüge in die umliegenden Alpen. Davides Videos und Podcasts verfolgen nicht den Anspruch, italienische Gemeinplätze und Traditionen zu beleuchten – was mir persönlich sehr zusagt. Nichtsdestotrotz kann man viel Neues lernen, z. B. über Dantes Göttliche Komödie, die Grundzüge der für Außenstehende super verwirrenden italienischen Politik, die italienischen Dialekte und überhaupt ganz viel Insider-Wissen über Etymolgie, unlogische Grammatik und Rechtschreibung und alles, was eingefleischte Italienisch-Sprach-Fans noch interessieren könnte.

Einziger Nachteil: Nicht alle Videos sind konsequent Englisch untertitelt – aber immerhin Italienisch und manchmal auch in anderen Sprachen (außer Deutsch). Anfänger*innen schauen sich deshalb lieber auf anderen Kanälen um. Für Etymologie-Fans mit mittelprächtigen bis fortgeschrittenen Kenntnissen kenne ich allerdings keinen besseren Kanal.

Von mir empfohlenes Lernlevel: B1-C2

…zu neuen Sprach-Ufern, zum Beispiel nach Procida.

Filme und Serien

Auf allen zuvor genannten Youtube-Kanälen gibt es mindestens ein Video, das sich mit italienischen Serien und Filmen beschäftigt. Ich gehe daher nur auf meine ganz persönlichen Favoriten ein. Italien ist bekannt für – wer hätte es gedacht – gute Crime-Serien und Dramen, egal ob mit oder ohne Mafia, mit oder ohne Liebe. Allein auf Netflix lassen sich Serien und Filme finden, die in jedem Fall sehenswert sind, selbst wenn man gar kein Italienisch lernt. Nutzt man Serien und Filme aber wirklich zum Lernen, dann sind die italienischen Regionalsprachen, vereinfacht oft Dialekte genannt, die größte Herausforderung. Empfehlenswert ist deshalb eine Kombination aus Originalton und Untertiteln. Hier meine Favoriten aus den letzten Monaten:

Filme

I. La vita davanti a sé / Du hast das Leben vor dir (2020)

Wir sind im süditalienischen Bari. Momo ist 12, lebt auf der Straße und schlägt sich mit Diebstählen durch. Seine Mutter, mit der er Jahre zuvor aus dem Senegal geflohen war, ist tot. Doch Dr. Cohen, der den Jungen gut kennt, hat eine Idee: Die alte Madame Rosa soll sich ihm annehmen. Damit sie nicht in öffentlichen Einrichtungen landen, kümmert Madame Rosa sich mit liebevoller Strenge um verwaiste und halbverwaiste Kinder. Momo und Madame Rosa sind zunächst wenig voneinander begeistert, denn immerhin hat er sie auf dem Markt ihrer Tasche beraubt. Aber da beide eine ähnliche Sturheit besitzen, freunden sie sich widerwillig miteinander an. Momo ist trotz allem nicht bereit, seine kleinkriminellen Aktivitäten gänzlich einzustellen. Und dann fängt Madame Rosa auch noch immer öfter an, sich wie eine alte Verrückte zu benehmen, die sich tagsüber im Keller verkriecht. Was ist da los? Nur vorsichtig lüften sich die Geheimnisse um Madame Rosas Vergangenheit und Momo gibt ihr ein besonderes Versprechen, das er unbedingt halten will.

Der Film basiert auf dem französischen Roman La vie devant soi von Romain Gary und spielt eigentlich in Paris. Die Verlegung des Handlungsortes nach Bari klappt aber wunderbar. In der Hauptrolle spielt Sophia Loren, eine der großen, sagenumwitterten Diven der Filmgeschichte. Aber das ist nicht das Beeindruckendste am Film, denn alle Charaktere sind mit ihren Ecken und Kanten liebenswert. Sprachlich bekommen wir Anklänge des apulischen Dialekts zu hören, aber da die Dialoge nicht wahnsinnig komplex sind, lässt sich der Film entspannt schauen.

II. Sulla mia pelle / Auf meiner Haut (2018)

Dieser Film ist harter Tobak. Er basiert auf der wahren Geschichte von Stefano Cucchi, der für einen kleinen Drogendelikt in U-Haft landet und von Polizeibeamten verprügelt wird. Vergeblich versucht seine Familie, Kontakt zu ihm aufzunehmen, wird aber von den Beamten wiederholt abgewiesen. Nach wenigen Tagen verstirbt Cucchi – unter dubiosen Umständen. Der Fall löste 2009 in Italien einen großen Aufschrei aus und führte 2018 schließlich zur Verurteilung der involvierten Carabinieri.

Am besten mit Untertiteln anschauen, denn der römische Dialekt zieht sich durch den gesamten Film.

III. Roberto Saviano: Uno scrittore sotto scorta / Ein Autor unter Polizeischutz (2016)

Wie lebt es sich als Schriftsteller, der von der Mafia mit dem Tode bedroht wird? Sind Menschen, die sich mutig gegen das organisierte Verbrechen stellen, besser als alle anderen, besser als der Normalbürger, der den Weg des geringeren Widerstandes wählt – oder sind auch sie nur Menschen wie du und ich? Das in etwa fragt sich der sizilianische Schauspieler und Moderator Pif. Über mehrere Tage begleitet er den Autor Roberto Saviano, der für seine journalistische Antimafia-Arbeit seit vielen Jahren unter Polizeischutz lebt. Zustande gekommen sind sehr persönliche Einblicke in Savianos komplizierten, klaustrophobischen Alltag. Wir lernen Roberto, also den Menschen hinter der Figur Saviano, die von ihrem Antimafia-Heldenstatus so überstrahlt wie überschattet wird, ein bisschen besser kennen. Eine sehr menschliche Begegnung, die nicht ohne Humor auskommt und mich trotzdem mit einem mulmigen Gefühl zurückgelassen hat.

IV. Caffè Sospeso – Kaffee für alle (2017)

Und jetzt noch etwas leichteres, nämlich eine Dokumentation, die nicht ausschließlich auf Italienisch ist, sondern teilweise auch auf Spanisch und Englisch – ein dreifaches Spracherlebnis. 😉 In Caffè Sospeso lernen wir eines der wichtigsten italienischen Kulturgüter näher kennen: den Kaffee, das gebrüht-berüchtigte Heißgetränk schlechthin. Aber nicht irgendeinen Kaffee, sondern il caffè, der die Lebensphilosophie der gemeinsamen Zeit verkörpert, die man beim Kaffeetrinken miteinander teilt, und die alle, egal ob arm oder reich, aneinander bindet und Fremde zu Freunden werden lässt. Wir reisen nach Napoli, wo die Tradition des caffè sospeso (zu deutsch etwa „schwebender/aufgeschobener Espresso“) ihren Ursprung hat und ein Zeichen alltäglicher Nächstenliebe ist. In New York treffen wir auf eine italienisch-amerikanische Familiengeschichte, die untrennbar mit dem Mythos des caffè verbunden ist. Und wir gehen in ein altes Kaffeehaus in Buenos Aires, in dem die Geschichten der Gäste dank der Magie des Kaffees authentisch und lebendig werden.

Napoli – beliebter Handlungsort vieler Serien, Filme und Bücher.

Serien

I. Suburra (2017-20)

– nicht zu verwechseln mit Gomorra, der wahrscheinlich bekanntesten und erfolgreichsten Mafia-Serie. Obwohl es in Suburra auch um kriminelle Clans geht, ist die Serie nicht das römische Pendant zu Gomorra, kann es aber erzähl- und spannungstechnisch durchaus damit aufnehmen. In Rom teilt eine Hand voll alter Clans seit jeher die Macht unter sich auf. Die neue Generation spielt jedoch nach anderen Regeln und es kommt zu Konflikten. Im Streit um die Verheißung auf absolute Macht kommen sich allerdings nicht nur einige alte und herangewachsene Mafiosi in die Quere, sondern auch die Politik möchte ein Stück vom fetten Kuchen abhaben. Und wie sich das in Rom gehört, ziehen auch noch Vertreter des Vatikans im Hintergrund ihre Strippen.

Wie auch in Gomorra (sorry, dass ich es wieder erwähne, aber der Vergleich drängt sich doch auf) treffen die Hauptcharaktere in Suburra absolut verabscheuenswerte Entscheidungen und werden doch von nachvollziehbaren Motiven getrieben. Immer wieder gibt es Momente und Entwicklungen, die sogar menschlich sind, fast berührend: enge Freundschaft, tiefe geschwisterliche Bindung, dieses Wir-gegen-den-Rest-der-Welt. Doch in der Welt des Verbrechens ist Vertrauen keine langlebige Währung und was heute gilt, wird morgen zur größten Schwäche. Man kann die Charaktere in Suburra sogar heimlich mögen – wobei ich sie eher bemitleidet habe. In Suburra wird hauptsächlich im römischen Dialekt gesprochen. Der wiederum weicht von der Standardsprache nicht besonders stark ab. Untertitel an und die Story läuft.

II. Baby (2018-20)

Auch in der Netflix-Serie Baby sind wir in Rom, diesmal an einem Elite-Gymnasium. Die jugendliche Chiara führt ein scheinbar behütetes Leben in einem der wohlhabendsten Stadtviertel. Was jedoch nach Bilderbuch-Familie aussieht, steckt in Wahrheit voller schwelender Konflikte. Ludovica hingegen lebt mit ihrer alleinerziehenden und chronisch überforderten Mutter in eher bescheidenen Verhältnissen, das Geld für die teure Privatschule aufzubringen, ist ein ständiger Drahtseilakt. Doch Ludovica ist nicht verlegen darum, das nötige Geld auf anderen Wegen zu beschaffen. In der Schule hat sie dadurch schon bald mit Verleumdungen und Ausgrenzung zu kämpfen. Chiara ist von Ludovicas Wagemut und ihrer draufgängerischen Art fasziniert und lässt sich nach und nach auf das gleiche gefährliche Doppelleben ein. Und auch bei Chiaras und Ludovicas Mitschüler*innen ist vieles mehr Schein als Sein, denn alle durchleben ihre eigenen Tragödien, die sich in die Hauptstory einflechten. Was zunächst wie eine Teenie-Serie anmutet, entpuppt sich zu einem spannenden Mix aus Coming of Age, Crime und Drama, der erschreckenderweise nicht besonders weit von der (möglichen) Realität entfernt ist. Schließlich basiert die Story lose auf der wahren Geschichte zweier Schüler*innen aus Rom, die in einen Prostitutionsring verwickelt waren – bis dieser aufflog.

Zugegeben, ich habe diese Serie mehr geliebt, als ich jemals erwartet hätte! Den römischen Dialekt habe ich anders als in Suburra nicht als prägend wahrgenommen. Stattdessen bekommt man einen guten Eindruck von der italienischen Jugend- und Alltagssprache und kann sich ein paar Floskeln abgucken.

III. Il Processo (2019)

Eine 17-Jährige wird unter mysteriösen Umständen ermordet. Dahinter verbirgt sich nicht weniger als ein Geflecht aus Intrigen und Korruption. Eine engagierte junge Staatsanwältin setzt alles daran, den Tathergang aufzudecken und für Gerechtigkeit zu sorgen. Ihr Konkurrent, ein gewiefter Verteidiger, wittert die große Chance, seine Karriere voranzubringen. Und was hat es mit den privaten Verwicklungen auf sich, die die Justizvertreter mit dem Opfer und den Tatverdächtigen verbinden?

Bei dieser Serie habe ich eine Aufwärmphase gebraucht, aber schon nach der zweiten Folge musste ich unbedingt wissen, wie es weitergeht. Der verbale Schlagabtausch in den gerichtlichen Verhandlungen ist unheimlich spannend. Die Dialoge sind deshalb nicht immer locker und flockig, aber dafür auf Standarditalienisch, also ohne Dialekt. Und als Bonus gibt es regelmäßig das schöne Stadtpanorama von Mantua zu sehen.

Bücher

Romane in Originalsprache zu lesen, gilt wahrscheinlich für alle Sprachlernenden als absolute Königsdisziplin. Da ich von gekürzten und vereinfachten Texten sehr wenig halte, gehen für mich natürlich nur richtige Bücher. Aber wo fange ich an?

Selbst wenn du glaubst, dass deine Sprachkenntnisse endlich gut genug sind – nimm ein Buch zur Hand und du hast wieder das Gefühl, maximal die Hälfte zu kapieren. Diese Erfahrung kann sehr schmerzhaft sein, aber auch unheimlich motivierend. Denn wer es mit einer Sprache ernst meint, will auch sie meistern: die Original-Literatur. Und in dieser Kategorie hat Italien sehr viel zu bieten, sofern man bereit ist, sich darauf einzulassen. Wichtigste Voraussetzung um klein, aber trotzdem original anzufangen: Du kennst die Grundlagen der Sprache und hast einen soliden Alltagswortschatz. Ab dem Niveau B1/B2 kann man sich getrost an längere Texte heranwagen.

Die Bücher aus der Reclam-Reihe Fremdsprachentexte sind für den Anfang optimal. Alle Wörter, die nicht standardmäßig im Aufbauwortschatz vorkommen, werden am unteren Seitenrand mit deutscher Übersetzung aufgeführt. So kommt man in den Genuss erfolgreicher italienischer Original-Literatur, ohne sprachlich komplett zu verzweifeln. Als gestalterischen Bonus haben die Bücher immer ein praktisches Handtaschenformat in einheitlicher roter Aufmachung – perfekt zum Mitnehmen. Aus der Reihe kann ich besonders den Roman Io non ho paura von Niccolò Ammaniti empfehlen, der für mich in die Kategorie Musst-du-lesen gehört und auch in Italien ein moderner Klassiker ist. Die gleichnamige Verfilmung steht dem Buch in fast nichts nach und eignet sich super, um hinterher zu prüfen, ob man alles richtig verstanden hat. 😉

Musst du lesen!

Überaus gern empfehle ich außerdem Il rumore dei tuoi passi von Valentina D’Urbano – und das ganz ohne deutsche Anmerkungen. Meiner Meinung nach ist es eines der seltenen Bücher, das sowohl mit einer spannenden und ergreifenden Handlung aufwartet als auch stilistisch simpel genug geschrieben ist, um als Nichtmuttersprachler*in alles hautnah miterleben zu können. Ich liebe diesen Roman einfach, auch wenn er – wie man von mir erwarten kann 😉 – eher bedrückend ist.

Wenn du nun diese beiden Bücher gelesen hast – und vielleicht noch ein anderes aus der Reclam-Reihe –, dann bist du bereit für alle weiteren Abenteuer. Jede*r Autor*in hat einen eigenen Stil, manche lassen sich (gerade für Lernende) besser lesen als andere und wie so oft ist es letztlich Geschmackssache. Den einzigen Literatur-Tipp, den ich dir wirklich uneingeschränkt ans Herz legen kann, ist folgender: Trau dich! Lies das, was dich interessiert! Es wird ein holpriger Weg, aber ein wunderschöner – auch das soll es geben. Zu guter Letzt lohnt es sich manchmal, auf kluge Sprüche zu hören, zum Beispiel auf diese chinesische Weisheit, die mir in Italien auf einem hübschen Lesezeichen begegnet ist:

Anche il viaggio più lungo inizia con il primo passo.

proverbio cinese

„Ein guter Plan“: Eine gute Wahl, um besser auf sich aufzupassen

Ohne geht nicht. Jedes Jahr probiere ich einen neuen aus, doch endlich, ja, endlich habe ich den einen gefunden, der es für immer sein soll – vorerst jedenfalls. Ich rede von niemand geringerem als dem täglichen Begleiter an meiner Seite: dem Buchkalender. Im vergangenen Jahr stieß ich dank einer Freundin auf „Ein guter Plan“ und nach kurzer Zeit wusste ich: Dieser Kalender wurde für mich erstellt. Für mich! Na gut, auch für alle anderen, die ein bisschen wie ich sind, sich nach Entschleunigung sehnen und sich selbst im täglichen Durcheinander nicht verlieren wollen.

Das ist er: „Ein guter Plan“ in Petrol und mit mehrsprachigem Add-on. Obwohl das Jahr noch jung ist, musste meiner schon einige Aufhübschungen erdulden – nicht, dass er vorher ungenügend gewesen wäre.

Gesellschaftliche Ideale, ständige Selbstoptimierung und pseudoreligiös propagiertes Leistungsstreben können extrem anstrengend sein. Gerade der Terminkalender ist eines der wichtigsten Alltagswerkzeuge, um bei all den Anforderungen, die die Welt an uns stellt, und allen Erwartungen, die wir an uns selbst stellen, und die Schritte die wir unternehmen, um unsere Ziele zu erreichen, einen Überblick zu behalten. Warum sollte nicht genau dieses Utensil mit Liebe gestaltet und Achtsamkeit angefüllt sein?

Der wichtigste Merksatz deines Lebens.

Okay, es gibt wahrscheinlich viele Buchkalender, die jedes Jahr antreten und mit weisen Sprüchen um die Gunst der Verplanten buhlen. Was mir aber an „Ein guter Plan“ so gut gefällt, ist, dass die Macher*innen Achtsamkeit nicht mit toxischer Positivität und Selbstliebe nicht mit permanenter Selbstoptimierung verwechseln. In jeder Woche erwartet mich ein inspirierendes Zitat sowie ein Kommentar, der oft sehr bestärkend ist und mich mit dem Gefühl zurücklässt: Dieser Kalender versteht mich. Nichts davon klingt nach klugen Sprüchen, sondern ist sorgsam ausgewählt und trifft oft mitten ins Herz. Es ist unübersehbar, dass „Ein guter Plan“ von Menschen erstellt wurde, die aus eigener Erfahrung wissen, worauf es ankommt, um sorgsam mit sich und der eigenen Psyche umzugehen.

Textmarker hat nicht gereicht.

Hier geht es ganz klar um ein Herzensprojekt, das ein Herzensprodukt hervorgebracht hat. Und das wird auch im Design deutlich: Jeder „gute Plan“ hat einen stabilen Leineneinband und einen in minimalistischer Typographie eingeprägten „Ein guter Plan“-Schriftzug. Als Fan hochwertiger Notizbücher komme ich also voll auf meine Kosten. Auch die wöchentliche Seitenaufteilung entspricht genau meinem Stil: Auf der linken Seite eine Übersicht der kompletten Woche und auf der rechten genügend Platz für alle anderen To-Dos, Gedanken und Krakeleien. Damit man sich am Anfang auch wirklich traut, die ersten Seiten dieses schönen Buches zu beschmaddern, gibt es zu Beginn ein Feld, das zu Kritzeleien einlädt. Das habe ich echt gebraucht…

Der Kritzelkrakelkasten für alle, die sich nicht trauen, die erste Seite eines Buches zu beschreiben.

„Ein guter Plan“ ist ein Kalender, der zu einer ausführlichen Selbstreflektion animiert. Bevor der wöchentlich wiederkehrende Kalenderteil losgeht, wartet „Ein guter Plan“ mit allerhand Übungen zur Selbstreflexion auf. Das ist wie eine Kurztherapie in Buchform. Man wird dazu angeregt, mal alle Meilensteine und guten Erinnerungen aufzuschreiben, die man schon im Leichtgepäck hat – ein positiver Rucksack sozusagen. Natürlich gibt es auch eine Bucket List, aber nicht ohne eine umgedrehte Eimerliste auf der man bewundern kann, was man sich alles schon verwirklicht hat. Es tut richtig gut, das alles einmal aufzuschreiben. Denn (auch) ich bin ein Mensch, der notorisch über die eigenen Erfolge hinweggeht, als wären sie nichts weiter als erfüllte Erwartungen, die keiner extra Wertschätzung bedürfen. Nicht nett von mir. Wie gut, dass mein Kalender mich nun achtsam darauf hinweist.

Muss nur noch kurz mich selbst retten – danach ist die Welt dran.

Die Reflexionsangebote ziehen sich anschließend durch den ganzen Kalender, jeder Tag lädt dazu ein, in Kurzform festzuhalten, wie gut der Schlaf war, wie hoch der Stresspegel, wie viel Entspannung man sich gegönnt hat, ob man genügend gegessen, getrunken, sich bewegt hat. Dabei vergisst das Buch nicht zu betonen, dass es sich um Angebote handelt, die zur Reflexion einladen und kein Muss sind. Wem’s gefällt, der*die kann die Reflexionskästchen auch einfach bunt anmalen – oder achtsam ignorieren. Das Buch nimmt’s einem nicht übel, denn gerade der einführende Reflexionsteil ist ausführlicher, als ich von einem Terminkalender jemals erwarten würde.

Als überzeugte Dankbarkeitstagebuchschreiberin musste ich mir vom gleichen Verlag auch „Ein guter Tag“ zulegen. Denn wie schnell passiert es, dass wir das Gute an schlechten Tagen übersehen? Kein guter Tag, kein Grund zum Nörgeln. Bewusstes Wertschätzen dessen, was man hat, wirkt sehr heilsam, vor allem, wenn es täglich praktiziert wird. Schreiben ist meine Meditation.

Aber schön flexibel bleiben, Übertreibung ist auch nicht gut.

PS: Diese Rezension ist nicht gesponsert (auch wenn ich nichts dagegen hätte), sondern aus persönlicher Überzeugung geschrieben. Auf, dass die guten Pläne mich in den kommenden Jahren weiterbegleiten werden.

Esti aŭ ne esti? Esperanto vivas!

Wer gern Sprachen lernt, stößt früher oder später auf die Sprache aller Sprachen. Achtung: Es ist weder Englisch noch Chinesisch. Ich meine Esperanto, die Sprache, die aus einem Best Of des romanischen, germanischen und slawischen Wortschatzes besteht und erschaffen wurde, um weltweit sprachliche Differenzen zu überwinden – und mit ihnen nationalistisches Geschwurbel und jegliches Gedankengut, das unüberbrückbare, entzweiende Unterschiede propagiert. Esperanto hat große Ambitionen und will nichts weniger als den Austausch zwischen allen Menschen fördern, damit wir uns endlich als eine große Familie begreifen. Und was braucht eine Familie? Eine gemeinsame Sprache, die möglichst neutral ist, also nicht kolonial-imperial-national vorbelastet. Ein Riesenprojekt. Eine Utopie? Ja, aber eine lebendige.

Esperanto braucht mehr Liebe – es ist schließlich auch nur eine Sprache.
(Bild von Alexandra auf Pixabay)

Esperanto wird gern ausgelacht. Von allen Sprachen ist es das wahrscheinlich größte Mobbing-Opfer. Ich will nicht, dass jemand Esperanto aus Mitleid lernt, sondern weil die Philosophie und die Menschenliebe, die hinter der Erschaffung dieser Sprache steckt, so universell wie genial ist. Esperanto wird meistens deswegen angegriffen und verlacht, weil es eine Plansprache ist – und deshalb erscheint es schnell pauschal sinnlos, sich damit zu beschäftigen. Aber das ist zu kurz gedacht. Denn es heißt nicht umsonst: Don’t judge a book by its cover. Oder besser gesagt: Ne juĝu libron laŭ ĝia kovrilo.

Vor dem II. Weltkrieg erfreute sich Esperanto einiger Beliebtheit. Doch da der Erfinder, der polnische Augenarzt Ludwik Lejzer Zamenhof (1859-1917) jüdischer Herkunft war, wurde Esperanto als Teil der jüdischen Weltverschwörung, die nach Nazi-Logik dazu diente, die weltweite Herrschaft zu übernehmen, bekämpft und die Esperanto-Kultur während des Nationalsozialismus verboten. Englisch setzte sich schließlich als globale Lingua franca durch und obwohl die Verbreitung des Englischen offensichtlich mit der Kolonialgeschichte verknüpft ist, nehmen das die meisten Menschen zumindest hin. Trotz allem: Esperantist*innen, also Menschen, die Esperanto sprechen und die damit verknüpften Werte leben, haben sich nicht unterkriegen lassen.

Zugegeben: Im Wettlauf um die Welt wurde Esperanto vom Englischen längst überholt und der Traum von einer neutralen Weltsprache ist heute nach wie vor eine Utopie. Das hält Liebhaber*innen aber nicht davon ab, fleißig in der Sprache zu kommunizieren und zu publizieren. Es gibt Esperanto-Zeitschriften, Esperanto-Nachrichtenportale, Wikipedia auf Esperanto und sogar ein weltweites Netzwerk esperantosprachiger Gastgeber, die Reisenden kostenlose Unterkunft anbieten – vorausgesetzt man spricht selbst Esperanto. Es gibt auch ein Fernstudium der Interlinguistik und Esperantologie – und etwa 1000 Esperanto-Muttersprachler*innen (sagt Wikipedia, aber immerhin), genuine Schriftsteller*innen und eine Vielzahl an in Esperanto übersetzter Literatur. Die Sprache ist somit kein nerdiges Hobby einzelner Linguistik-Enthusiast*innen, sondern ist von echter kultureller Relevanz.

Die Esperanto-Flagge, selbstverständlich in hoffnungsvollem Grün
(Bild von Chickenonline auf Pixabay)

Esperanto hat dennoch ein besseres Schicksal verdient. Böse Zungen behaupten, dass es mitnichten als neutrale Weltsprache taugt, denn es setzt sich aus allerlei europäischen Sprachen zusammen und ist damit ganz klar europäisch zentriert. Für eine Chinesisch-Muttersprachlerin mag das Erlernen von Esperanto ähnlich kompliziert sein wie Englisch – aber nicht ganz. Denn es ist wesentlich leichter als jede andere europäische Sprache und kann als Grundlage dienen, um später andere Sprachen wie Spanisch, Polnisch, Italienisch, Deutsch etc. zu lernen. Da Esperanto eine grammatische Regelmäßigkeit hat, von der die meisten Sprachlernenden nur träumen können, stellen sich schneller Erfolgserlebnisse ein. Das ist wichtig, denn die Erfahrung, sich erfolgreich eine Sprache angeeignet zu haben, motiviert ungemein, um eine weitere zu lernen. Warum sich also zuerst an Englisch die Zähne ausbeißen? Es könnte so viel leichter sein – mit Esperanto, der Sprache der Hoffnung.

Ich sehe es nicht als unbedingten Nachteil an, dass Esperanto eurozentriert ist. Eine Sprache, die sich zu gleichen Teilen aus allen existierenden Sprachen der Welt zusammensetzt – wer macht sich die Arbeit, zuerst alle Sprachen der Welt zu lernen, um dann Esperanto Reloaded zu erfinden? Ich bezweifle, dass ein Mensch so etwas leisten kann; ein Kollektiv vielleicht. Am ehesten würde das bestimmt eine künstliche Intelligenz schaffen. Aber dann käme sicherlich der Vorwurf, dass Esperanto Reloaded keine menschengemachte Sprache mehr ist und damit ungeeignet für neutrale internationale menschliche Kommunikation. Esperanto behält also seine volle Berechtigung.

Europäische Kleinstaaterei
(Bild von www_slon_pics auf Pixabay)

Europa ist, im Vergleich zu anderen Kontinenten, eine winzige, sprachlich zersplitterte, seltsam geformte Halbinsel. Ich glaube gern daran, dass es Werte gibt, die historisch alle Europäer*innen teilen, die aber nicht so offensichtlich sind, weil wir alle andere Sprachen sprechen, eigene Regierungen und Gesetze haben und sich jedes europäische Land ein bisschen wie der Nabel der Welt aufführt, manche kommen sich wichtiger als andere vor und andere lernen deswegen die Sprache des nächstgrößten Nachbarn. Gerade in Zeiten, in denen Europa von rechtspopulistischen Kräften zerrieben wird, höre ich nicht auf davon zu träumen, dass es eines Tages die Vereinigten Staaten von Europa geben kann. Und Esperanto wird unsere Sprache sein. Träumen ist ja noch erlaubt, zumal die Anzahl der Esperanto-Lernenden angeblich steigt. Außerdem hätten wir sogar eine eigene Hymne, „La Espero“ (die Hoffnung), die ohne nationalistischen Quark auskommt und mich gerade deshalb ein bisschen sentimental werden lässt.

Esperanto mag eine Plansprache sein, doch sie hat eine eigene, lebendige Kultur hervorgebracht, die höchst inklusiv und an kein Territorium gebunden ist. Wie cool. Dafür, dass sie (bis jetzt) in keinem einzigen Land der Welt eine anerkannte Amtssprache ist, ist ihre heimliche Soft Power nicht zu unterschätzen. Keiner weiß wie viele Menschen weltweit Esperanto als Fremdsprache erlernen und aktiv sprechen, eine halbe bis zwei Millionen sagt Wikipedia. Mir persönlich erscheint es allemal nützlicher als Latein. Zumindest sollte jede und jeder wenigstens einmal ganz ohne Witz und besserwisserischem Hohn von Esperanto gehört haben und dann selbst entscheiden, ob sich eine tiefere Beschäftigung damit lohnt. Ich habe die Sprache längst in mein Herz geschlossen, auch wenn meine Kenntnisse sich noch auf Anfänger-Niveau bewegen. La Espero werde ich stets gut gebrauchen können. La Espero mortas laste. Vivu Esperanto!

Zum Weiterlesen empfehle ich das deutschsprachige Portal www.esperanto.de sowie das wunderbare Video „Esperanto Explained“. Und falls du jetzt überzeugt bist und unbedingt Esperanto lernen willst, schau doch mal auf lernu! vorbei. 😉

Podcast „Finding Van Gogh“: Auf der Suche nach einem verschollenen Meisterwerk

Erzählt von Johannes Nichelmann, herausgegeben vom Städel Museum (Sprachen: Deutsch oder Englisch)

Vincent van Goghs Lebenswerk ist nicht nur unumstößlich in die Kunstgeschichte eingegangen, seine Person wurde wie kaum eine andere zur Symbolfigur des wahnsinnigen Künstlers stilisiert. Seine Lebensumstände, die von Armut und Krankheit gezeichnet und vom Missverständnis der damaligen Gesellschaft gegenüber seiner Kunst geprägt waren, trugen zum Mythos van Gogh bei – nicht zuletzt auch sein tragischer, als viel zu früh zitierter Tod.

Nicht weniger mysteriös ist das Kunstwerk, dem der Podcast „Finding van Gogh“ auf die Spur kommen möchte: Das „Porträt des Dr. Gachet“, welches seit Jahren als in unbekanntem Privatbesitz verschollen gilt, und van Goghs letztes Bild war, das er 1890 kurz vor seinem Ableben malte. Es zeigt den französischen Arzt Paul-Ferdinand Gachet, in den van Gogh zunächst große Hoffnung auf Heilung von seinem Leiden setzte, ihn aber als ebenso krank und dadurch als Helfer ungeeignet einschätzte. Doch nicht nur Inhalt und Entstehung des Porträts bergen zahlreiche historische wie biografische Anekdoten. Nach van Goghs Tod unternimmt das Gemälde eine unfreiwillige Reise durch die Wirren des 20. Jahrhunderts, wechselt Besitzer/innen, wird Zeuge historischer Momente und integraler Bestandteil derjenigen Lebensgeschichten, dessen Wege das Werk kreuzt und nachhaltig berührt.

Viele behaupten, das Bildnis des „Dr. Gachet“ schon einmal gesehen zu haben, doch wo ist es heute? (Photo by Angèle Kamp on Unsplash)

Während die erste Podcast-Folge hauptsächlich von van Goghs Person und der Entstehung des „Dr. Gachet“ handelt, entspinnt sich die Reihe zu einem historischen Krimi, der die Wege des Gemäldes nachzuzeichnen sucht. Johannes Nichelmann, der durch den Podcast führt, interviewt zahlreiche Menschen, die etwas über diese Odyssee, die Bedeutung des Werkes und van Goghs Charakter zu sagen haben. Immer wieder trifft er auf Menschen, die behaupten, sie wüssten, wo sich das „Porträt des Dr. Gachet“ befände – sie könnten es aber nicht verraten. In der Welt der Kunst herrscht viel Geheimniskrämerei, Kunstsammler/innen und Kurator/innen sprechen lieber von Diskretion.

Gegen Ende der Podcast-Reihe taucht Johannes Nichelmann in die Funktionsweise des Kunstmarktes und seiner spektakulären Auktionen ein – ein Markt auf dem jeder Preis möglich ist und weltberühmte Werke zu Millionensummen an private Investoren verhökert werden. Das endlose Nicht-verraten-wo-der-„Dr. Gachet“-ist unterstreicht den Exklusivitätsanspruch einer kleinen Elite, die damit, dass sie überhaupt dazu in der Lage ist, teure Kunst zu ersteigern, sie in ihren Wohnzimmern aufzuhängen und in Lagerhallen zu begraben, ihren Status pflegt. Ein im Podcast zu Wort kommender Auktionator erklärt, es sei ein demokratisches Ideal, dass Kunst, vor allem die einflussreichen, berühmten Werke, die alle sehen wollen, der Welt gehörten. Doch dieses Ideal sei im Grunde lächerlich, denn Kunst werde dafür geschaffen, dass sie jemandem gehöre. Und die Besitzenden letztendlich damit tun dürfen, wonach ihnen der Sinn steht.

Nicht der „Dr. Gachet“, aber eines von van Goghs zahlreichen Selbstbildnissen im Glashäuschen (Photo by fan yang on Unsplash)

Nichts da mit öffentlichem Interesse, welches der Willkür einer kaufkräftigen Superelite vorangestellt wird. Selbst zu einer Leihgabe ans Museum können private Kunstsammler/inne nicht verpflichtet werden. Alles ganz schön makaber, wenn man bedenkt, dass van Gogh zu Lebzeiten mit bitterer Armut vorlieb nahm, um sich ausschließlich dem Malen widmen zu können. Was er wohl davon gehalten hätte, wenn er wüsste, wie es seinem „Porträt des Dr. Gachet“ ergangen ist? Angeblich war ihm schon damals der Kunstmarkt zuwider und er stellte die Idee, dass Kunstwerke als Besitztümer gehandelt werden, öffentlich in Frage. Zeitlebens stand er nicht nur am Rande der Gesellschaft, sondern war selbst unter den Kunstschaffenden seiner Zeit wohl eher ein Querdenker, der gern experimentierte und dafür alles andere als Beifall erntete. Dieser brisante Aspekt wird im Podcast angeschnitten, aber in seinen ethischen Implikationen für das heutige Kunstgeschäft kaum weiter diskutiert. In den Gesetzen des freien Marktes hat Ethik nun mal keinen Platz.

Zugute halten muss man dem Podcast, dass er sich eingehend mit der Gratwanderung der Trennung und Verschmelzung von Werk und Künstler beschäftigt. Immer wieder scheinen Versuche durch, den Mythos van Gogh zu entmystifizieren – allerdings ohne Erfolg. Aber darum scheint es auch nicht zu gehen. Die Faszination eines Malers, der zahlreiche Künstler/innen des 20. Jahrhunderts inspiriert hat, hält bis heute an und eint Generationen Kunstinteressierter, die seine Übergröße am Leben erhalten. Ob das „Porträt des Dr. Gachet“ schließlich gefunden und an seinen einst angestammten Platz im Städelmuseum von Frankfurt zurückkehren darf, erfahrt ihr hier:

www.staedelmuseum.de/de/podcast-finding-van-gogh

Dort findet ihr auch eine Abbildung des mysteriösen Werkes. 😉

Ich wünsche viel Spaß und Spannung beim Hören!

Language Learning Hacks, Part I:
Wie ich Fremdsprachen in meinen Alltag integriere

„Ach, wie schön wäre es, wenn ich endlich [füge Fremdsprache ein] sprechen könnte.“ Nicht wenige Menschen träumen davon, eine neue Fremdsprache zu erlernen. Nicht selten bleibt es beim Träumen, denn nachdem die anfängliche Euphorie der nicht ganz so romantischen Realität weicht, merken viele: Sprachen zu lernen macht richtig Arbeit. Anfangs ist die Begeisterung noch groß, die Anmeldung für einen Sprachkurs unkompliziert und praktisch. Sich aufzuraffen und zum Kurs zu gehen, ist für den inneren Schweinehund wesentlich einfacher umsetzbar, als sich aus freien Stücken, sprich aus intrinsischer Motivation, zum Lernen zu bewegen. Ausgerechnet während des Corona-Lockdowns witterten viele Menschen ein Zeitfenster, das es ihnen erlaubte, sich an eine neue Sprache heranzutasten. Ausnahmsweise war endlich mal genügend Zeit verfügbar, die sonst nicht da ist (Ja, wo ist sie nur?). Genügend Ressourcen bietet das Internet zuhauf und auch Sprach-Apps werden immer zahlreicher. Doch was funktioniert wirklich? Und vor allem dauerhaft?

Aus Erfahrung weiß ich mittlerweile, dass Sprachen nur lebendig bleiben, wenn sie regelmäßig im Alltag eine Rolle spielen. Einige Sprachen habe ich jahrelang gelernt, aber nach gewisser Zeit wieder „abgebrochen“, weil sich die Lebensumstände oder die Interessen verändert haben. Sprachen, die ich über mehrere Jahre fleißig gepaukt habe, sind heute allenfalls rudimentär abrufbar. Latein, Spanisch, Russisch, Chinesisch. Wir hatten eine gute Zeit, aber ich habe mich nicht ausreichend um euch gekümmert – sorry.

Irgendwann entschied ich, dass es so nicht weitergehen kann. Ich liebe Sprachen. Wirklich etwas mit ihnen anfangen – das heißt, mich unterhalten, Bücher und Artikel lesen, Filme und Serien schauen, mich natürlich in einer Fremdsprache bewegen und frei ausdrücken können – kann ich aber nur, wenn ich endlich konsequent am Lernen dranbleibe.

Um die Begeisterung beizubehalten, spielen für mich rationale Gründe maximal eine Nebenrolle. Zum Beispiel haben Chinesisch, Spanisch und Russisch weltweit wahnsinnig viele Sprecher/innen. Aber das hat mich emotional nie so richtig überzeugt. Ich wollte viel lieber die Sprachen lernen, die mir automatisch immer wieder begegneten: Italienisch, weil ich gern nach Italien reise, Neapel als meine zweite Heimat empfinde und italienische Literatur mag.

Und Koreanisch, weil ich leidenschaftlich gern koreanische Serien schaue sowie der Musik von BTS (siehe Bild, Eingeweihte werden es verstehen 😉 ) und Epik High verfallen bin. Das könnte auch bei der Wahl einer neuen Fremdsprache hilfreich sein: Leidenschaft kann auf Dauer viel ausschlaggebender sein als rein praktische Erwägungen wie zum Beispiel die Anzahl der weltweiten Sprecher/innen. Aber die Motivationen können natürlich so unterschiedlich sein wie die Menschen.


Tandempartner/innen, die deine Lernsprache muttersprachlich können, sind Gold wert. Aber nicht immer hat man für regelmäßige Treffen Zeit und/oder findet unkompliziert Muttersprachler/innen in der eigenen Stadt. Außerdem kann es mehrere Anläufe dauern, bis man jemanden findet, mit dem über den Sprachaustausch hinaus auch die Interessen-Chemie passt. Auch unabhängig von anderen Menschen ist es wahnsinnig wertvoll, die Fremdsprache im Alltag präsent zu halten – im Idealfall jeden Tag. Das heißt nicht, dass du dich jeden Tag ein, zwei Stunden hinsetzen musst, um Grammatik und Vokabeln zu büffeln. Das macht auf Dauer wenig Spaß. Und um Spaß soll es ja gehen. Vokabeln und Grammatik büffeln gehört zwar dazu, ist aber nicht alles. Alle Sprachen, die ich aus reinem Pflichtgefühl in der Schule und an der Uni gelernt habe, sind nämlich verschüttet worden. Die Sprache in den Alltag zu integrieren, nimmt einem das Hinsetzen und Büffeln nicht ab – aber es hält über lange Zeit die Motivation aufrecht. Und lässt die Sprache immer weniger fremd erscheinen, sondern immer mehr als eine willkommene Vertraute, die man nicht mehr missen möchte. Aber wie klappt das am besten mit der Präsenz im Alltag? Für mich hat sich Folgendes bewährt:

Was wirklich immer geht, und auch für „Lernmuffel“ die Lernmethode schlechthin ist, ist das Schauen von Filmen und Serien in der jeweiligen Fremdsprache. Dabei geht der Spaß ganz bestimmt nie verloren. Für den Anfang bietet es sich an, mit Untertiteln auf Deutsch oder Englisch zu schauen, später mit den fremdsprachigen Untertiteln und ganz später auch mal ohne alles und nur im O-Ton. Je nach Motivationslevel halte ich das Video hin und wieder an und schreibe mir neue Wörter auf – oder ich lasse den Film laufen und höre mich in die Sprache ein. Auch so etwas simples wie Gewöhnung an den Klang einer Sprache, kann die Motivation, irgendwann alles verstehen können zu wollen, enorm befeuern. Selbiges gilt für Musik. Suche dir Musik in der Sprache, die du lernst, und lass dich in ihren Bann ziehen. Übersetzungen der Songtexte nachzulesen, kann ganz schön erhellend sein – oder ernüchternd. In jedem Fall bietet sich die Chance, ganz nebenbei etwas zu lernen.

Originalsprachige Romane sind für Lernende oft zu kompliziert, sprachlich vertrackt und führen schnell zu Frustration. Original-Texte können einen schon mal, je nach (Fach-)Themengebiet, an den eigenen, mühsam erarbeiteten, fremdsprachlichen Fähigkeiten zweifeln lassen. Leichter klappt es aber, wenn das Buch vorher auf Deutsch gelesen wurde. Ich lasse gern ein wenig Zeit vergehen: Nachdem ich die deutsche Variante gelesen habe, warte ich eine Weile bis ich den fremdsprachigen (Original-)Text lese. Dadurch kann ich mich gut an den Inhalt erinnern, aber nicht mehr wortwörtlich. Das hilft enorm, um nicht in unbekanntem Vokabular zu ertrinken. Der rote Faden der Handlung ist bekannt, wodurch sich neue Wörter leichter erschließen lassen. Außerdem kannst du dich super fortgeschritten fühlen, wenn du es geschafft hat, das erste fremdsprachige Buch zu lesen – egal wie lange du dafür gebraucht hat. Und beim nächsten und übernächsten Buch wird es immer leichter gehen.

Wenn es mit Büchern in leichter Sprache klappt, kann ich empfehlen, ab und zu Online-Nachrichten in der Lernsprache zu lesen, Kurz-Videos über aktuelles Geschehen zu schauen und auch mal in Podcasts reinzuhören. Im Idealfall lernst du dabei nicht nur ein paar neue Vokabeln, sondern erfährst viel Spannendes aus dem Land der jeweilige Sprache und bekommst ein besseres Verständnis für Kultur, Politik und Zeitgeschehen – aus der Innenperspektive des Sprachraumes.

Im Alltag ist an vielen Stellen eins wichtig: Geduld. Das bezieht sich nicht nur auf das Lernen einer Sprache, bei der der Fortschritt nicht von heute auf morgen spürbar ist, sondern sich erst nach Monaten und Jahren bemerkbar macht. Immer wieder muss man auch warten können.

Wartezeiten lassen sich sehr gut (esels-)überbrücken, indem du stets ein kleines Vokabelheft zur Hand hast – oder eine Sprach-App auf dem Smartphone. Passt überall rein und eignet sich für alle Wartezeiten, die schnell zu wertvoller Lernzeit werden, welche kleine, aber wichtige Fenster zum Wiederholen und Festigen öffnen. Ich bin ein überzeugter Fan vom Lernen durch Aufschreiben. Wenn ich italienische Bücher lese, lege ich nach jedem Kapitel eine Pause ein und schlage ein paar unbekannte Wörter nach.


Was mir außerdem hilft, ist die Imagination meines Ziels. Stell dir vor, du kannst deine Wunschsprache schon. Bade ein bisschen in dem Gefühl, wie es ist, sich ganz natürlich in einer anderen Sprache ausdrücken zu können, an Orte zu reisen, an denen du sonst nur Bahnhof verstehen würdest, Menschen kennenzulernen, die du nie kennenlernen würdest, wenn du eine bestimmte Sprache nicht verstehen würdest. Echtes Verständnis für die Denk- und Lebensweisen anderer Menschen, egal in welcher Weltregion, funktioniert hauptsächlich über Sprache. Sprache formt unser Bewusstsein, unsere Identität. Fremdsprachen eröffnen dir völlig neue Horizonte und Möglichkeiten, sie geben dir das Gefühl, „mehr“ zu werden als du vorher warst. Aber belasse es nicht nur bei der Träumerei. 🙂

Und schließlich: Such dir eine Person aus, die Muttersprachler/in ist, und der du gern den lieben langen Tag zuhören könntest. Diese Person kann als sprachliches Vorbild fungieren. Schauspieler/innen, Musiker/innen, Schriftsteller/innen, Journalist/innen etc. eignen sich dafür super. Überlege dir, welche Fragen du ihnen stellen möchtest, für den Fall, dass du sie eines Tages persönlich triffst 😉 – und wie toll du dich fühlen wirst, wenn du endlich verstehen kannst, wovon sie sprechen. Such dir also am besten jemanden aus, von dem noch nicht alle Texte, Interviews und jeglicher Content übersetzt worden sind. Das spornt mehr an. Sprachen mit bestimmten Personen, die Bewundernswertes leisten, zu assoziieren und den Wunsch zu pflegen, sich eines Tages problemlos mit ihnen unterhalten zu können (wenn auch nur theoretisch), ist meine persönliche Geheim-Strategie.

Aufgrund all dieser kleinen Alltagsstrategien hat es sich für mich bewährt, Sprachen zu lernen, in denen viele Medien verfügbar sind. Egal ob Koreanisch, Spanisch, Japanisch, Italienisch, Chinesisch, Französisch, Russisch usw. – in all diesen Sprachen gibt es unglaublich viele Bücher, Filme und Serien, Musik, die überall verfügbar ist. Sie in den Alltag zu integrieren, wird damit zum Kinderspiel.

Was sind deine Erfahrungen mit dem Sprachenlernen? Hast du Strategien, die über Sprachkurse und gängige Lernmethoden hinaus, deine Begeisterung lebendig halten? Wonach entscheidest du dich für eine Sprache, die du lernen willst? Hast du diese Gründe beibehalten oder hat sich deine Einstellung zur gelernten Sprache verändert? Und: Wie lernt man effektiv eine Sprache, in der nur wenige Medien verfügbar sind? Fragen über Fragen. Wer mag, kann gern einen Kommentar hinterlassen.

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