Aniversum

Anikas Welt in Text & Bild

Art Days 2022: Mein allererster eigener Stand!

Das Aniversum live und in Farbe!

Vor ein paar Tagen ist Realität geworden, was vor einem Jahr noch ein Traum und vor einigen Jahren undenkbar war: Ich habe zum ersten Mal meine Kunst auf einer Convention gezeigt. Wochenlang habe ich Motive druckreif vorbereitet, Karten und Sticker bestellt, Material gesammelt, um meinen ersten kleinen Stand herzurichten. Etwas, das man lange Zeit in seinem stillen Kämmerlein betreibt, zum ersten Mal der Öffentlichkeit zu präsentieren, kann ganz schön nervenaufreibend sein. Doch es hat sich gelohnt!

Rückblickend hätte es für mich keinen besseren ersten Kunstmarkt geben können als die Leipziger Art Days. Zwei Jahre lang war ich begeisterte Besucherin, immer mit dem Hintergedanken: “Da wäre ich auch gern mal dabei!” Dieses Jahr war es endlich soweit. Nachdem ich vor einiger Zeit beschlossen hatte, mich intensiver meinem kreativen Schaffen zu widmen, war es der nächste logische Schritt, mich auch offline zu zeigen, zumindest in meiner eigenen Stadt, in einem Rahmen, den ich als Besucherin schon gut kannte und der mir von der Größe und der Location her zusagte. Sich eine Online-Präsenz aufzubauen, ist die eine Seite. Der persönliche Kontakt und die Teilnahme am lokalen (Kunst-)Geschehen ist für mich eine neue, wichtige Erfahrung, die mir mehr gegeben hat, als ich mir im Vorfeld ausmalen konnte.

Es war so spannend und wundervoll den Moment mitzuerleben, wenn jemand vor meinen Werken stand und sich dafür entschied, eine Karte oder einen Sticker zu erwerben. Auch alle positiven Kommentare und mitgenommenen Visitenkarten haben mich riesig gefreut. Dass ich alle beiden Tage einigermaßen entspannt an meinem Stand verbringen konnte, ist hauptsächlich der umfassenden Unterstützung zu verdanken, die ich von Freunden und Familie bekommen habe. Für uns alle war war es ein besonderes Erlebnis, einen Kunstmarkt mal von der anderen Seite als Aussteller zu erleben. Im Übrigen bin ich unheimlich froh darüber, dass ich die Art Days als ersten Markt auserkoren habe, auf dem ich mich präsentiert habe. Nicht nur bietet die Moritzbastei eine wunderschöne Kulisse, wo es sich gut viele Stunden aushalten lässt, auch das Publikum war durchweg wohlgesinnt, entspannt, wertschätzend und unkompliziert, einfach so, wie man es sich wünscht. Auf der tollen Erfahrung bei den Art Days möchte ich auf jeden Fall aufbauen. Momentan bleibt nur zu sagen: Ein großes Danke und bis zum nächsten Mal!

Im Land der ewigen Sommersonne

Auf in den Norden! Zwölf Tage war ich mit meinem Bruder im Südwesten von Norwegen unterwegs. Wir wollten dorthin, wo die Landschaft von den Fjorden geprägt ist, raus in die Natur, aber noch in der Nähe der Stadt Bergen. Gelandet sind wir in Norheimsund, einem 4500-Seelen-Dorf, einem der bedeutendsten Orte am Hardangerfjord. In Norwegen sind die Dimensionen anders: wenig Menschen und beeindruckende Natur soweit das Auge reicht.

Erster Blick von unserer Terrasse: Hei, Norheimsund!

Unsere Unterkunft liegt gut versteckt auf dem Berg, natürlich inklusive einer schmalen Zufahrtsstraße in Serpentinen, die wir, egal ob per Mietauto oder zu Fuß, immer unter den neugierigen Blicken der Schafe passieren, die hier auf den saftigen, von Bächen durchzogenen Wiesen am Straßenrand weiden.

Am Steinsdalsfossen mit Blick Richtung Norheimsund – und einem kleinen Stückchen Regenbogen.

Unten am Beginn unserer Straße liegt der Steinsdalsfossen, einer der meistbesuchten Wasserfälle Norwegens. Er sieht nicht nur malerisch aus; auf einem kleinen Weg kann man unter dem Wasserfall hindurchgehen, ohne nass zu werden. Unter oder direkt vor den mächtigen Wassermassen zu stehen, die in die Tiefe fallen, fühlt sich unglaublich erfrischend an. Die kalte, tröpfchengeladene Luft auf der Haut zu spüren, hat etwas befreiendes.

Velkommen til Omastranda!

Zu Beginn unserer Reise ist das Wetter vielversprechend und beschert uns ein paar warme Sonnentage mit klarer Sicht. Wir erkunden die Umgebung auf vier Rädern und, wann immer mein Bruder eine geeignete Wanderroute ausfindig macht, zu Fuß. Sich in Norwegen in die Natur zu verlieben, ist wirklich unvermeidbar: An allen Berghängen sprudelt es, Wasserfälle tropfen in Rinnsalen vom Fels oder mit tosenden Massen ins Tal, werden zu reißenden Flüssen, die in den Fjord münden. Das Meerwasser des Fjords ist türkis wie im Süden, doch im Hintergrund thronen die Berge, bedeckt von Schneeflecken, denen die Sonne im Juni (noch) nichts anhaben kann.

Entlang unserer Erkundungstouren am Ufer des atemberaubenden Hardangerfjords kommen wir in das Mini-Dorf Oma – auf Norwegisch wahrscheinlich ein völlig unauffälliger Name. Direkt vor der Küste liegt die malerische kleine Insel Omaholmen.

Die Straßen wurden der Landschaft angepasst, nicht umgekehrt. Regelmäßig passieren wir Tunnel und Straßenabschnitte, die so eng werden, dass nur vorausschauendes Fahren und Anhalten bei Gegenverkehr möglich ist. Aber dafür ist Zeit. Im Sommer sowieso genügend für alles, denn es fühlt sich an, als würden die Tage nie enden. Die Sonne geht gegen elf Uhr abends irgendwo hinter den Bergen unter; selbst danach wird es nur leicht duster, nie tiefdunkel. Die Nacht, die den Winter unerbittlich beherrscht, macht im Sommer in großen Teilen des Landes einen ausgedehnten Urlaub.

Ein Regentag am Hardangerfjord…

In Norwegen lässt es sich besser atmen. Die Luft ist merklich frischer. Doch die Nähe zur Küste macht das Wetter in unserer Gegend unberechenbar. In diesen Genuss kommen wir einige Tage später, als der Sommer plötzlich beschließt aufzuhören und Berge und Fjord in geheimnisvollen Wolkennebel hüllt. Abwechselnd besuchen uns Niesel- und Starkregen, zwischendurch hellt der Himmel kurz auf, um einer neuen Regenwolkenfront Platz zu machen. Danach scheint die Landschaft zu dampfen und die Luft ist schwül.

…und noch ein Regentag, denn das Wetter möchte möglichst authentisch sein.

An einem dieser verregneten Tage fahren wir raus aus dem Gebirge zum offenen Meer. Die Fahrt geht über Bergen (die Stadt) und dann ein großes Stück nach Norden über viele kleine Inseln mit vielen runden Brücken. Die Landschaft ist hier noch sehr felsig, aber viel schroffer und rauer. Auf unserem Weg kommen wir immer wieder durch Ein-paar-Seelen-Dörfer.

Das offene Meer bei Hellesøy…

Neben einer Kirche führt hinter einem Weidengatter ein unscheinbarer Weg, der mehr oder weniger mit Steinen markiert ist, über die schroffe Landschaft in Richtung Meer. Wir hüpfen von Stein zu Stein, der Weg ist vom Regen – und allerlei Ziegenkot – stark in Mitleidenschaft gezogen. Am Meer angekommen, eröffnet sich vor uns ein felsiges, wildschönes Panorama. An einer größeren Stelle, wo die Felsen ein wenig flacher ins Meer führen, haben einige Besucher vor uns kleine Steintürme errichtet, die unbeeindruckt in den Himmel ragen und lautlos sagen: Ich war hier und bleibe.

…und ein Teil des Wanderpfades dorthin.

Unterwegs mit dem Auto fragt mein Bruder oft alle paar Kilometer: “Willst du hier mal anhalten und ein Foto machen?” Denn die Natur ist hinter jedem Berg von Neuem beeindruckend. Ich entdecke alle möglichen Wasserfälle, will sie alle einfangen, doch die Bilder werden ihnen nie ganz gerecht, denn die Weite des Fjordes, die Höhe der Berge, die Kühle der Luft, den Geruch des Regens, den Strom des Wassers, die Tiefe des Meeres und der Wälder, die Stille der Seen, die spürt man nur vor Ort.

Bergsee bei Jondal.

Trotz der nicht enden wollenden Wolkendecke und des häufigen Regens in unserer zweiten Urlaubshälfte, sind wir so gut wie jeden Tag draußen unterwegs, erhaschen lokale Regenpausen, ziehen uns herbstlich an, laufen auch bei Wind und Niesel durch die Landschaft.

Wilde Natur am Wanderweg in einer Ferienhaussiedlung.

Einen Tag lang geht’s in die Stadt Bergen. Der Himmel ist wolkenverhangen, aber hält durch – in der regenreichsten Stadt Europa ist das ein Glücksfall. Mit seinen knapp 287.000 Einwohnern ist Bergen die zweitgrößte Stadt Norwegens und kulturell ganz schön bedeutend. Da zeitgleich zu unserem Stadtrundgang auch der CSD stattfindet (sogar die Busse fahren mit kleinen Regenbogen-Flaggen auf ihren Dächern!) ist die Innenstadt drängend voll. Wir verschaffen uns einen Überblick vom Hafen und den berühmten bunten Bryggen-Häusern. Dann kaufen wir ein One-Way-Ticket für die Standseilbahn, die auf den Fløyberg hinaufführt – einen der sieben Bergener Berge, die die Stadt umgeben. Hier oben haben wir nicht nur eine wunderbare Aussicht auf das komplette Stadtpanorama, sondern nutzen auch ein paar der kleinen Wanderrouten, die auf dem Berg verlaufen. Anschließend wandern wir bergab, immer mit Blick auf die Stadt, die uns langsam näherkommt.

Die Fløybanen kriecht auf den Fløyfjell hinauf.

Wieder bei uns in Norheimsund entdecke ich an der Hauptstraße, die vor unserem Wasserfall verläuft, eine alte, hübsch hergerichtete Telefonzelle. Außen erklärt ein Plakat: Ta en bok, gi en bok – Nimm ein Buch, gib ein Buch. Ich trete ein. Das alte Telefon ist noch immer erhalten und museumswert gepflegt. Daneben erstreckt sich von oben nach unten ein Regal mit mehreren Bücher-Reihen. Alle auf Norwegisch. Ich nehme eines der Bücher in die Hand, den Drageløperen von Khaled Hosseini.

Büchertausch-Telefonzelle mit dem Steinsdalsfossen im Hintergrund

Ich blättere einmal kurz durch und diese Sprache, die dem Deutschen so seltsam ähnlich und doch so fremd ist, springt mir entgegen. All diese Wörter mit ihren eigensinnigen nordischen å, ø und æ üben eine ungeahnte Anziehungskraft aus. Darf ich dieses Buch mitnehmen? Ich habe keins zum Tauschen dabei und obwohl ich meistens nicht abergläubisch bin, wage ich es nicht es mitzunehmen, ohne dafür ein anderes in die Lücke zu stellen, die es hinterlassen würde.

Ha det bra, Norge!

Wie es am Ende so vieler Urlaube der Fall ist, haben wir von Norwegen einen Eindruck bekommen, der Lust auf mehr macht. Für mich war es das perfekte Ziel für die erste Auslandsreise nach langer Zeit. Norwegen ist ein Land, in das es sich lohnt, immer wieder zurückzukehren – ein Fleck Erde, an dem alle weltlichen Normen und Alltagssorgen verblassen, weil die Natur so schön ist, dass ich wünschte, sie immer um mich zu haben, um mehr bei mir zu sein.

Du kan reise så langt du vil,
Du kannst reisen so weit du willst,
du kan velge en egen vei
du kannst einen eigenen Weg wählen
gjennom skog, over hav og fjell.
durch Wälder, über Meere und Berge.

Når verden er for stor
Wenn die Welt zu groß ist
og stien er alt for bratt
und der Pfad viel zu steil,
kan du vende blikket mot Nord.
kannst du den Blick gen Norden richten.

Stjernestøv [Aurora]

Der Mythos vom harten Arbeiten

Wenn du noch nicht hart arbeitest, arbeite härter.

Es gibt diesen einen Glaubenssatz, mit dem ich aufgewachsen bin, und an den ich so gern glauben möchte, denn er kommt mir gerecht vor – und ich möchte gern in einer gerechten Welt leben, auch wenn das eine Wunschvorstellung ist. Ich spreche von diesem hier: Arbeite hart und du wirst all deine Ziele erreichen. Davon gibt es Varianten wie: Du kannst deine Träume verwirklichen, wenn du nur wirklich hart genug dafür arbeitest. An diese toxischen Überzeugungen habe ich mein Leben lang fest geglaubt. Wozu sonst kämpft man als junger Mensch um Bestnoten in der Schule und auf der Uni? Wozu sonst absolviert man ein unbezahltes Praktikum nach dem anderen und ist dankbar dafür, dass man den Platz bekommen hat, anstatt sich zu wundern, weshalb man (wieder) kostenlos arbeitet? Harte Arbeit lohnt sich – irgendwann wirst du dafür belohnt. Und wenn du nicht daran glaubst, dass dein eigenes Streben, deine harte Arbeit dich zum gewünschten Erfolg führen, dann musst du an deinem Mindset arbeiten, dann stimmt mit deinem Glauben an deine eigene Selbstwirksamkeit etwas nicht. In jedem Fall liegt es einzig und allein an dir – oder?

Die Komponente „Glück“ wird unterschätzt oder gar verschwiegen

Kim Kardashian ist berühmt dafür, berühmt zu sein. Vor kurzem gab sie Frauen einen wichtigen Ratschlag, der aus ihrer Sicht essentiell ist, um beruflich erfolgreich zu sein: „Get your f—— ass up and work. It seems like nobody wants to work these days.“ („Steh von deinem verdammten Hintern auf und arbeite. Es scheint, als ob heutzutage niemand arbeiten will.“) Auf Social Media ist diese Bemerkung vielen negativ aufgestoßen, denn sie ist reine Heuchelei. Kardashians Arbeits-Credo geht nämlich nicht auf: Für sie, die in eine reiche, einflussreiche Familie geboren wurde, mag sich harte Arbeit lohnen.

Stell dir vor, du wächst in Verhältnissen auf, in denen Geld keine Rolle spielt. Ein eigenes Unternehmen zu  gründen, in das du anfänglich ausschließlich investieren musst, ist dann keine Hürde. Zu scheitern und zur Not eben ein neues Unternehmen zu beginnen, wäre auch nicht so dramatisch. Der Begriff des Scheiterns gilt nur für (finanziell) Arme. Auch nicht zu unterschätzen sind die Verbindungen und Kontakte, auf die man qua Geburt zurückgreifen kann, wenn man in einem bestimmten Teil der Welt in wohlhabenden Verhältnissen aufwächst. Die Wahrscheinlichkeit, mithilfe dieser Vorteile eigenen Erfolg zu generieren, ist dann ungemein höher als bei Menschen, die von diesen Vorteilen nicht profitieren können. Die Nicht-Reichen müssen darauf zählen, dass sich unsere harte Arbeit irgendwie irgendwann lohnt. Und dafür sind wir auf etwas angewiesen, das gern unterschätzt oder gar komplett verschwiegen wird: Glück.

Den ganzen Tag im Geld baden? Auch ein harter Job, zumal man damit nicht ohne Weiteres sauber wird.

Die Mär von der harten Arbeit, die sich lohnt, hält sich hartnäckig. Aber warum? Ich denke, es liegt daran, dass sie einfach eine überzeugende Geschichte ist, denn würde die Welt nach diesem Prinzip wirklich funktionieren, wäre sie einigermaßen gerecht. Wer hart arbeitet, bekommt was er verdient, erreicht seine Ziele, verwirklicht Träume. Wer nicht (hart) arbeitet, bekommt ebenfalls was er verdient: Armut, das Schreckgespenst der Leistungsgesellschaft. Denn arme Menschen sind schließlich selbst Schuld an ihrer Armut. Haben halt nicht hart genug gearbeitet, diese faulen Säcke. Oder noch schlimmer: Die wollen ja gar nicht. Echt jetzt?

Wenn Erfolg von dir allein abhinge, dann könntest du, auch wenn du scheitern würdest, nur dich selbst beschuldigen. Der Mythos vom harten Arbeiten hält uns davon ab, systemische Fehler und äußere Umstände zu enttarnen und ihre entscheidende Rolle zu erkennen. “Harte Arbeit” könnte dann plötzlich ganz anderes aussehen: Nämlich daran zu arbeiten, dass wir die Umstände, für die wir nichts können und die uns benachteiligen, verändern. Und das ist wirklich harte Arbeit – nur in der Regel (finanziell) unentlohnt und damit für die Leistungsgesellschaft nicht so wertvoll.

Arme Menschen sind arm, weil sie faul sind?

Wer (finanziell) arm ist, lebt mit einem Stigma. Das geht ungefähr so: Weil jemand nicht talentiert genug ist, nicht hart genug arbeitet, sich keine Mühe gibt, ist er nicht erfolgreich. Die „Armen“ sind für die (Erfolg)Reichen das lebende Zeugnis dafür, dass sich ihre harte Arbeit gelohnt hat und lohnt. Sie sind der Beweis dafür, dass sich (finanziell) wohlhabende Menschen gut und tugendhaft fühlen können, denn sie haben ja alles richtig gemacht, während sich (finanziell) arme Menschen zu schämen haben. Der Mythos vom harten Arbeiten hat nämlich eine hässliche Kehrseite: Er erzählt uns, dass es einzig und allein in deiner Hand liegt, ob du (finanziell) arm bist oder dich zu den Erfolgreichen zählen darfst. Und so sind (lohn-)arbeitslose Menschen ein Mittel politischer Propaganda: So erbärmlich wie diesen Arbeitslosen wird es auch dir ergehen, wenn du denkst, du kannst dir die „Freiheit“ (oder besser: die Frechheit) herausnehmen, nicht hart genug zu arbeiten – gleich, ob dir deine Arbeit gefällt oder nicht.

Harte Arbeit = finanzieller Erfolg?

Ich finde: Wir reden nicht genug darüber, dass Armut nicht selbstverschuldet, sondern in Wirklichkeit ein Kreislauf ist, aus dem man sich nur schwer befreien kann. Wer mit wenig Geld geboren wird, arbeitet in vielen Fällen besonders hart, um diesen Kreislauf zu durchbrechen. Doch finanziell arm zu sein, heißt de facto, weniger Möglichkeiten zu haben. Das erzeugt enormen Stress. Finanziell arme Menschen sind nachweislich anfälliger für Krankheiten und fühlen sich psychisch oft sehr belastet. Von vornherein gibt es viel weniger Optionen, aus denen man wählen kann und das Gefühl der permanenten Belastung aufgrund des Mangels führt zusätzlich dazu, dass Entscheidungen getroffen werden, die die belastenden Verhältnisse aufrecht erhalten. Finanzielle Armut ist alles andere als selbstverschuldet ist und schon gar nicht eine Charakterschwäche. Es wird nur nicht ausreichend darüber gesprochen.

Es gibt diese Binsenweisheit: „Geld allein macht auch nicht glücklich.“ Wer kennt sie nicht? Was sie sagen will: Materieller Wohlstand ist nicht wichtiger, als das, was Geld nicht kaufen kann, z. B. Freundschaft, Familie, Liebe. Was sie verschweigt: Geld ist entscheidend dafür, wie viele Möglichkeiten jemand im Leben hat, ob man sich zum Beispiel Bildung leisten, eigenes Kapital investieren oder ganz einfach sicher sein kann, dass man sich auch morgen und übermorgen noch eine eigene Wohnung finanzieren kann. Geld allein macht nicht glücklich, aber die Möglichkeiten, die erst durch Geld zugänglich werden, durchaus.

Geld macht unglücklich, ist doch klar.

Vom Tellerwäscher zum Millionär – eine unsterbliche (Erfolgs-)Geschichte

Träume zu haben und ihrer Verwirklichung zu arbeiten, muss man sich an erstmal leisten können. In vielen Teilen der Welt sind unsere privilegierten Träume schlicht zu teuer. Selbst wenn man sich diesen Luxus leisten kann, reicht nicht allein harte Arbeit. Die Geschichten von Underdogs, von den Unpopulären, die es scheinbar allein durch ihr Talent und ihre harte Arbeit an die Spitze des Erfolgs schaffen, faszinieren seit jeher. Sie sind der Stoff aus dem Filme gemacht werden. Sie sind der Funke Inspiration, der Fans über Fans anzieht, weil sich aus ihm unsere eigenen Träume speisen – und der Glaube, das wir sie eines Tages (auch) verwirklichen können. Was in diesen Geschichten oft nicht ausführlich zur Sprache kommt: Die entscheidende Rolle, die das Glück gespielt hat, zur richtigen Zeit, am richtigen Ort, mit den richtigen Personen gewesen zu sein.

Natürlich gibt es auch Fälle, in denen es für den Erfolg Talent und harte Arbeit gebraucht hat. Aber das reicht nicht. Traurigerweise. Denn so funktioniert die Welt leider nicht und sich das einzugestehen, kann sehr wehtun. Deswegen erzählen wir uns weiter den Mythos davon, dass es allein harte Arbeit ist, die Träume wahr werden lässt. Menschen brauchen gute Geschichten, mit denen sie sich ihr eigenes Leben erzählen können und um dem eigenen Streben einen Sinn einzuhauchen. Dass harte Arbeit sich lohnt, klingt gerecht, logisch und sinnvoll. Es ist ein Mythos, der uns antreibt und weitermachen lässt. Er überlebt, weil wir das, was uns in unserem eigenen Leben widerfährt, als gerecht, logisch und sinnvoll empfinden möchten, nicht als eine Aneinanderreihung von mehr oder weniger glücklichen Zufällen. Damit möchte ich nicht sagen, dass harte Arbeit gar nichts bringt. Es geht viel mehr darum, zu akzeptieren, dass unser Schicksal nicht ausschließlich von unserem eigenen Willen und Tun abhängt. Ich denke, mit unserem Willen und Tun geben wir unserem Leben eine Richtung – wenn wir uns eine bestimmte Richtung denn leisten können und unsere Geburtsverhältnisse nicht von vornherein so gut wie alles über unseren Platz im Leben entscheiden; wir begeben uns auf einen bestimmten Weg. Wie die Ernte, also die Früchte, die wir auf diesem Weg einsammeln können, ausfällt, liegt dagegen in tausend verschiedenen Umständen begründet, die sich unserer Kontrolle entziehen. Das nennt sich dann Glück. Und weil Glück sehr unberechenbar sein kann und Verzweiflung kein guter Antrieb ist, um hart und härter zu Arbeiten, können Rituale helfen, um mit den Launen des Glücks mental besser klarzukommen – wie zum Beispiel Achtsamkeitsübungen (aktuell voll in) oder die Anbetung der Glückskatze:

Maneki Neko, die japanische Glückskatze, deren Verehrung Erfolg und finanziellen Wohlstand bringen soll. Wichtig ist, dass sie mit der linken Pfote winkt, sonst könnte es schlecht aussehen.

Reise nach Neapel – eine Sehnsucht in vielen Kapiteln

Es gibt Reisen, die unternimmt man ein einziges Mal im Leben. Dann ist die Sehnsucht gestillt, die Erinnerungen gesammelt und das Herz träumt sich an neue Ziele. Es gibt aber auch Reisen, die sich wie ein roter Faden durch ein Leben ziehen. So geht es mir mit meiner Reise nach Neapel, die in vielen verschiedenen Kapiteln verläuft.

Der Vesuv, Neapel und ich

Das erste Kapitel findet in meiner Vorstellung statt. Neapel ist eine chaotische Stadt im Süden Italiens, die Heimat großartiger Erfindungen wie der Pizza und unsäglicher Geschwüre wie der Mafia. Gleich daneben liegt Pompeji, die Stadt, die in der Antike vom Vesuv, einem unberechenbaren Nachbarn, zerstört wurde. Meine Latein-Lehrerin erzählt uns jahrelang, dass wir irgendwann nach Pompeji reisen werden und uns die Ruinen anschauen. Das passiert nie.

In den Quartieri Spagnoli

Stattdessen passiert das: Mein 16-jähriges Ich stößt in der Bestseller-Abteilung auf ein Buch mit dem ominösen Titel „Gomorrha – Reise in das Reich der Camorra“. Darin geht es um die wirtschaftliche Macht der Mafia aus Neapel. Neapel? Das ist doch die Stadt, die neben Pompeji liegt, dort wo wir mit dem Latein-Kurs hinwollten. Das Buch verströmt eine magische Anziehungskraft und findet seinen Weg zu mir nach Hause. Es ist ein sperriges, unbequemes Buch, das mich nicht ohne Weiteres in seine Welt hineinlässt. Unzählige Namen fallen, Orte von denen ich nie gehört habe, ein Ozean an Informationen über eine Region, die sich fest im Würgegriff des organisierten Verbrechens befindet. Ich bin gefesselt und tauche immer tiefer ein. Das sperrige Buch hat seinem jungen Autor nahezu das Leben gekostet, denn es ist Zeugnis einer Realität über die man in Neapel besser schweigt. Roberto Saviano ist 26 Jahre alt als er „Gomorrha“ veröffentlicht und er hat den richtigen Ton gefunden, um die Geschichten seiner Heimat zu erzählen, um anzuklagen und aufzurütteln, um in die Welt zu schreien, dass die Mafia seine Heimatstadt zermürbt – und die internationale Wirtschaft gleich mit. Das Buch wird ein internationaler Erfolg und damit ein gewaltiger Dorn im Auge der Mafia, die Saviano für das Buch mit dem Tode bedroht. Daraufhin wird er unter permanenten Polizeischutz gestellt und darf keinen Schritt mehr allein vor die Tür setzen. Mein 16-jähriges Ich ist schockiert. Passiert das alles wirklich in Europa? Was zur Hölle ist los in Neapel? Ich lese weiter. Schaue Dokumentationen und Filme. Über Italien, über Neapel, über Geschichte und Kunst, Religion und Küche, alles. In meinem Kopf formt sich ein immer komplexeres Bild. Da ist zum einen das unglaubliche Kulturerbe, die beeindruckende antike Altstadt, das Meer, die Pizza, der Vesuv, eine eigene Welt, die entdeckt werden muss – und darunter der Abgrund einer unbequemen Realität. Ich möchte selbst nach Neapel reisen. Meine Freunde und Familie machen Witze: „Du willst unbedingt die Mafia treffen, was?“ Ich erkläre unermüdlich, dass die Mafia kein Interesse daran hat, ausländische Touristinnen zu behelligen. Hoffe ich. Ich will mir ein eigenes Bild über diese unglaubliche Stadt machen, die im positiven wie im negativen Sinne unübertrefflich scheint.

Lieblingsanblick

Im März 2015, also vor ziemlich genau sieben Jahren, schreibe ich mein zweites Kapitel. Ich bin 20 Jahre alt und buche meine erste Reise nach Neapel. Allein. So muss es sein und so mache ich es. Ich buche einen Sprachkurs, eine Unterkunft und einen Flug. Nachdem alles geregelt ist, beschleicht mich ein ungutes Gefühl und ich frage mich: „Was zur Hölle tust du dir da an?“ Ein Strudel aus Angst und Aufregung droht mich zu verschlingen. Dafür gibt es einen einfachen Grund: Ich reise zum allerersten Mal allein und spreche kaum einen Satz Italienisch. Eine große Mutprobe steht bevor. Ich lande am 8. März in Neapel und weiß, dass dies keine gewöhnliche Reise ist, sondern der Beginn einer großen Geschichte. Zwei Wochen lang lerne ich intensiv Italienisch und lerne Neapel kennen, eine Stadt, die ein einzigartiges kurioses Universum ist und für mich zu einem beseelten Wesen wird. Neapel wird Napoli und ich beschließe, dass ich nicht aufhören werde Italienisch zu lernen, bis ich eines Tages fließend lesen, schreiben und sprechen kann.

Der Stadtteil Posillipo von Castel Sant’Elmo aus gesehen

Nach 14 transformierenden Tagen bin ich wieder in Leipzig, aber ohne Überzeugung. Die Eindrücke meiner ersten Reise schreibe ich nieder und mit ihnen nehme ich an einem Literaturwettbewerb teil. Sie werden in einer Anthologie namens „Mein Europa“ aufgenommen und veröffentlicht. Ich bin stolz darauf, dass ich diese für mich so bedeutende Reise mit anderen Menschen teilen kann. Im gleichen Jahr reise ich mit meiner Mutter erneut nach Neapel und im Jahr darauf zusammen mit einem Freund. Die beiden sind anfangs irritiert über das Chaos, den Verkehr, den Schmutz, den Lärm, lassen sich aber vom Meer, der antiken Architektur, der neapolitanischen Küche, dem schönsten Panorama der Welt und meiner Verzauberung in den Bann ziehen. Neapel ist so viel mehr als es auf den ersten Blick scheint. 2017 kehre ich noch einmal allein dorthin zurück und verbessere mein Italienisch. Ungeahnte Turbulenzen sorgen dafür, dass dies vorerst meine letzte Reise ist. Ab 2020 gesellt sich zu meinen eigenen Turbulenzen ein globales Virus, das Reisen auf unbestimmte Zeit unmöglich macht. Doch lasse ich mich davon aufhalten?

Aus der Anthologie “Mein Europa”, veröffentlicht 2016, Hrsg. C. Habermann & M. Geußer, Europa-Haus Leipzig e. V.

So entstehen die Kapitel, die in meinen Nacht- und Tagträumen geschrieben werden und die mir nie ausgehen. Sie werden aus meinen eigenen Erinnerungen und den Geschichten vertrauter Schriftsteller*innen geboren und von Fantasie, Sehnsucht und einer Prise Wahnsinn genährt. Wenn ich nicht in Neapel bin, lasse ich mich auf Buchseiten dorthin tragen. Da ist Curzio Malapartes unterdrücktes und zerbombtes Neapel der Kriegsjahre; Erri de Lucas Neapel, das zwar gebeutelt ist, aber seine Magie nie verliert; Elena Ferrantes geniale Freundinnen, für die ihre Heimatstadt Fluch und Schicksal zugleich ist; Domenico Starnones und Wanda Marascos verzweigte neapolitanische Familiengeschichten, die undurchdringlich scheinen und untrennbar mit der Stadt verwachsen sind. Und Anna Maria Orteses nüchterner Blick auf eine Stadt, aus der sie wegen ihres zu kritischen Blickes vertrieben wurde. Die Geschichten wiederholen sich.

Die Sirene Parthenope kommt aus dem Reich der Toten zurück / Meine Interpretation des Gründungsmythos der Stadt Neapel

Die Beziehung vieler Neapolitaner*innen zu ihrem Heimatort kann eine komplizierte Angelegenheit sein, die ich mit der Zeit immer besser zu verstehen gelernt habe – denn ich bin selbst ein wenig betroffen. Die Liebe wächst mit der Distanz und die Verzweiflung mit der Nähe. Was ist das Faszinosum dieser Stadt? Für mich ist es ein ihr innewohnende Wesen, das sich zwar stets verändert, aber sich eine Essenz erhält, die über die Jahrhunderte unverändert bleibt. Da ist das Neapel, das verflucht wird von denen, die ihm nicht entrinnen können und das Neapel, das vergöttert wird von jenen, die weggezogen sind. Es heißt, wer nach Neapel kommt, der weint zwei Mal: Das erste Mal bei der Ankunft und das zweite Mal bei der Abreise. Dieser Spruch gehört zu den populärsten Volksweisheiten, von denen auch Hinzugereiste nicht verschont bleiben. Um es auf die Spitze zu treiben, sagt man auch: Neapel sehen und sterben. Wem das zu extrem ist, der reist immer wieder hin – so wie ich. In meinen Träumen bin ich tausend Mal dort gewesen und die Gewissheit, dass ich eines nicht allzu fernen Tages wieder einen realen Fuß dorthin setzen darf, ist zu einem meiner Lebenselixiere geworden. Die italienische Sprache gehört zu meinen täglichen Begleitern, die meinem Alltag einen Sinn einhaucht und mich auch dann in Neapel sein lässt, wenn ich gar nicht dort bin.

oder: Neapel sehen und leben!

Wie wird es mir gehen, wenn ich endlich zurückkehre und das nächste Kapitel schreibe? Sicherlich genau wie vor sieben Jahren und obendrauf eine Schicht alter Vertrautheit. Neapel ist zu einem Teil von mir geworden, meine eigene Geschichte stolpert immer wieder über die ihren. Bekanntlich kam auch Goethe auf seiner langen italienischen Reise in die berüchtigte Stadt am Vesuv, über die er schreibt:

„Wie man sagt, dass einer dem ein Gespenst erschiene, nicht wieder froh wird, so konnte man umgekehrt von ihm sagen, dass er nie ganz unglücklich werden konnte, weil er sich immer wieder nach Neapel dachte.“

Allein im Dschungel

oder: Warum Pflanzen die besten Mitbewohner sind

Ich teile mein Einzimmer-Appartment mit 27 Mitbewohnern. Das ist praktischer als es klingt, denn: Sie verhalten sich geräuschlos, sorgen für eine gemütliche Atmosphäre und saubere Raumluft. Üblicherweise hören sie auf die Namen Monstera, Gynura, Maranta, Aloe Vera, Begonia Maculata und Co. Adoptiert wurden sie zum großen Teil um die Ecke, also in den nächstgelegenen Baumärkten. Zimmerpflanzen liegen voll im Trend. So richtig realisiert habe ich das erst, als meine bescheidenen Quadratmeter bereits von einer beachtlichen Grün-Truppe bevölkert wurde. Aber wie kam es dazu eigentlich? Wie haben es diese stillen Mitbewohner geschafft, zu einem Trend unter jungen Großstädtern zu werden? Und warum sind Pflanzen die neuen Social-Media-Stars, Hashtag #urbanjungle?

Was in den Köpfen und Blumentöpfen anderer Leute passiert, ist deren Sache. Betrachten wir das Ganze mal aus meiner subjektiven Sicht. Social Media hatte definitiv einen prägenden Einfluss auf meine Mitbewohner-Wahl, wenn auch nicht den entscheidenden. Vor ein paar Jahren sah ich ein YouTube-Video, in dem eine junge New Yorkerin ihre Wohnung vorstellte, die über und über mit Pflanzen bestückt war. Sie hatte das, was man sich wohl am ehesten unter einem echten „Urban Jungle“ vorstellt: eigentlich zu wenig Platz, um so viele Pflanzen zu beherbergen, aber irgendwie ging es dann doch. Und mit Pflanzen kann man es eigentlich nicht übertreiben, oder? Davon war ich nach dem Video jedenfalls überzeugt.

Wenig Platz effizient zu nutzen und gleichzeitig ästhetisch ansprechend zu gestalten, ist eine Kunst, die mich schon lange fasziniert. In den Innenstädten ist Wohnraum teuer, deswegen haben die meisten nicht zu viel davon. Trotzdem wollen wir das Gefühl haben, nicht eingeengt zu leben, sondern eine frische, lebendige Atmosphäre zu kreieren – und vielleicht auch ein eigenes Stück Natur zu hegen und zu pflegen. Als geborenes Schrebergartenkind bin ich froh, dass ich mir ein bisschen Natur in die eigenen vier Wände holen kann, allerdings ohne den Aufwand eines tatsächlichen Schrebergartens. Und ist es außerdem nicht praktisch, drinnen ein Stück draußen zu simulieren? Ich verbringe relativ viel Zeit zu Hause und lege deswegen großen Wert auf eine erholsame Umgebung. Nichts eignet sich dafür besser als Pflanzen. Manch einer mag darauf auch erst durch Lockdown und Ausgangssperren gestoßen sein.

Doch in meinem Fall gibt es noch einen sehr persönlichen Grund, der verantwortlich ist für mein Pflanzenrudel. Der geht so: Eigentlich hätte ich gern einen tierischen Mitbewohner gehabt, aber leider, leider, leider ist das bei meinen multiplen Allergien gar keine gute Idee. Und ich habe ja auch nur sehr wenig Platz, zu wenig für fast alle in Frage gekommenen Haustiere. Also müssen Pflanzen herhalten. Ob sich meine wie ein billiger Ersatz fühlen? Ich glaube nicht, im Gegenteil. Ich habe ihnen jede mögliche Ecke eingerichtet und alle Sonnen-, Halbschatten und Schattenplätze gewährt, die sich eignen. Langsam wird es knapp. Aber wie viele Pflanzen wirklich in ein Zimmer passen, ist reine Einstellungssache (übrigens genau wie bei Büchern, die andere Art von geräuschlosen Mitbewohnern).

Fazit: Pflanzen sind tolle Mitbewohner. Sie meckern nicht, sie halten still, sie müssen nicht Pipi. Sie sehen gut aus, reinigen die Luft, beruhigen meine Nerven und machen meinen Raum zu einer kleinen, feinen Oase. Na gut, manch eine hat auch mal ihre Tage und will partout nicht verraten, warum sie trotz meiner größten Bemühungen den Kopf hängen lässt. Das richtige Maß an Wasser und Dünger zu finden, ist nicht immer selbsterklärend. Oder möglicherweise ist sie dann doch neidisch auf meine nicht vorhandene Katze. Wer weiß. Aber vielleicht kommt ja irgendwann eine ganz neue Züchtung auf den Markt: die Pflanze, die antwortet.

Auf der Suche nach dem Traumleben

Warum ein Traumtagebuch den Unterschied macht

Wir alle träumen. Jede Nacht. Meistens können wir uns nur nicht daran erinnern. Wozu auch? Unsere nächtlichen Abenteuer sind schließlich nicht real. Und alles, was nicht real ist, ist irgendwie unwichtig und Unwichtiges wird nicht im Gedächtnis gespeichert. Logisch. Aber ist das wirklich so unwichtig? Einen großen Teil unseres Lebens verbringen wir schlafend, nämlich ein Drittel. Wäre es nicht ein Geschenk, auch während dieser Zeit Abenteuer zu erleben, anstatt dass wir unsere Träume buchstäblich verschlafen? Was passiert, wenn wir anfangen, uns aktiv mit unseren Träumen zu beschäftigen? Ich wollte es wissen. Mittlerweile läuft mein kleines Experiment schon seit einiger Zeit – um genau zu sein seit dem Frühjahr 2017.

Seitdem führe ich ein Traumtagebuch. Das ist ein besonderes Tagebuch, in das ich direkt nach dem Aufwachen hineinschreibe, was ich geträumt habe – und das ist gar nicht so einfach, wie es klingt. Manchmal drehe ich mich einmal zu viel um und schwupps, wird mein Traum unklar und ich kann mich an kein Detail mehr erinnern, nur ein undefinierbares Gefühl bleibt zurück. Um Träume aufzuschreiben, ist Schnelligkeit alles. Doch daran mangelt es im Halbschlaf fast immer. Mit der Zeit ist meine Traumerinnerung immer besser geworden. Wenn ich mal eine Phase habe, in der mir meine Träume weniger wichtig sind und ich mich nicht mit ihnen beschäftige, nimmt diese Fähigkeit merklich ab. Doch kaum interessiere ich mich wieder stärker für das Thema, erinnere ich mich sehr oft und sehr lebhaft an meine Traumerlebnisse. In meinen Träumen gibt es wiederkehrende Orte und Personen, manche fiktiv, andere halbfiktiv aus Realem und Geträumtem zusammengesetzt. Das Faszinierende ist, dass alles, was im Traum auftaucht, aus einem selbst heraus entsteht. Mit Bleistift kritzle ich die Abenteuer der letzten Nacht nieder und suche darin nach dem roten Faden. Warum ich das mache? Das Ziel ist seit Jahren ein und dasselbe: Luzides Träumen.

Ein luzider Traum ist ein Traum, in dem dir bewusst wird, dass du gerade träumst. Dadurch kann man aktiv auf das Geschehen im Traum Einfluss nehmen und ihn nach den eigenen Wünschen formen. Wer würde nicht gern fliegen oder durch Wände gehen können? Im Traum ist alles möglich. Und im Gegensatz zu einem Tagtraum fühlt sich ein luzider Traum ungemein real an. Wäre es nicht traumhaft, eine alternative Realität zu erleben, die wir mit allen fünf Sinnen wahrnehmen können, aber selbst formen und entscheiden, was wir erleben möchten? Für mich hört sich das so unglaublich an, dass ich mir kaum vorstellen kann, dass es da draußen Menschen gibt, die das nicht gern könnten – wenn sie denn nur davon wüssten, dass so etwas überhaupt möglich ist.

Es heißt, dass jedes Kind luzid träumen kann. Im Laufe des Erwachsenwerdens verlieren die meisten diese Fähigkeit. Erst dann lernt so manch eine/r, was es mit dem luziden Träumen auf sich hat und möchte es wieder erlernen. So geht es mir. Um überhaupt luzid träumen zu können, ist der wichtigste Zwischenschritt, sich regelmäßig an die eigenen Träume zu erinnern. Ein Traumtagebuch ist dafür die wohl beste Methode. Damit suggeriere ich meinem Gehirn: „Hey, meine Träume sind mir wichtig, ich will mich daran erinnern!“

Erzwingen lässt sich ein luzider Traum aber nicht, im Gegenteil. Übung hilft, also das Führen des Tagebuchs, sogenannte Realitäts-Checks, vor allem aber ein Trick, der so banal wie naheliegend ist: die Beschäftigung mit dem Thema während des Wachseins. Im Internet zirkulieren zahlreiche Methoden, die das luzide Träumen begünstigen sollen, deswegen erspare ich mir eine komplette Anleitung. Nur so viel sei gesagt: Neben einem Traumtagebuch ist ausreichender Schlaf und ein regelmäßiger Rhythmus wichtig. Oft ist die Traumerinnerung dann besonders stark, wenn man morgens kurz aufwacht und dann nochmal einschläft. Außerdem kann es wirksam sein, sich im Laufe des Tages immer mal zu fragen, wie man an einen bestimmten Ort gekommen ist und zu visualisieren, was man vor der aktuellen Handlung eigentlich getan hat. Im Gegensatz dazu passiert im Traum nämlich alles einfach so, ohne Kontext. Und das kann der entscheidende Punkt sein, der zur Bewusstwerdung führt und eine Steuerung des Traums ermöglicht.

Obwohl ich mich immer besser an meine Träume erinnern kann, sind die Szenen und die Gefühle, die ich erlebe, oft so nah an meiner realen Realität, dass ich leider extrem selten merke, dass ich träume. Letztlich spielt Entspannung meiner Meinung nach eine Hauptrolle. Wer sich oft gestresst und unter Druck fühlt, wird dies auch in Träumen erleben – dann zu realisieren, dass das alles nicht real ist, ist ein Kunststück, auf das mein Unterbewusstsein meistens keine Lust hat. Aber ich gebe nicht auf. Die Fähigkeit zum luziden Träumen kann sich in jeder Lebensphase ändern, also sich verbessern oder auch wieder abnehmen. Allein die Erinnerung an meine Träume ist bereits wahnsinnig aufschlussreich. Ich sehe darin Muster, wiederkehrende Themen und manchmal auch Probleme, die meinem Unterbewusstsein offenbar sehr wichtig sind, die ich im wachen Zustand aber lieber wegschiebe. Träume lügen nicht. Ich bin mittlerweile überzeugt: Wer verstehen will, wer er oder sie wirklich ist, sollte anfangen, sich mit den eigenen Träumen zu beschäftigen. Luzide Träume sind dann eher das Sahnehäubchen.

Street Art in Leipzig — ein Streifzug

Leipzig ist nicht Berlin, auch wenn der Vergleich immer wieder herangezogen wird, damit Leipzig noch hipper erscheint, als es eh schon ist. In Sachen Street Art habe ich jedenfalls keine Wunderwerke erwartet. Zu recht?

Es grüßt das Plagwitzer Zauberkrokodil mit Familie.

Kürzlich habe ich mich mit offenen Augen auf ein paar Streifzüge begeben und bewusst nach allen Ausdrucksformen der Graffiti Ausschau gehalten. Dabei habe ich keinen Unterschied zwischen dekorativen Auftragswerken und aufwendig bis schnell hingesprühten Tags gemacht, ob legal oder illegal, sondern alles, was ich finden konnte, auf mich wirken lassen.

Drück drauf am Kunstkraftwerk

Eins vorab: Die Leipziger Graffiti-Szene ist aktiv und allseits präsent. Natürlich gibt es nicht die Szene, denn dafür sind die Werke viel zu divers — divers genug, um die uralte Frage aufzuwerfen: Was ist Kunst? Und: Was will und soll Kunst überhaupt?

Es lebe die Popkultur — an der Karl-Heine-Straße

Prägnante, sehenswerte Wandmalereien und Paste-ups (Plakate und Drucke, die an Fassaden angeklebt werden) kondensieren sich in ausgewählten Stadtteilen, allen voran im Leipziger Westen. In Plagwitz lässt sich eine Art Best Of Street Art bewundern und die kreativen Ausdrucksformen scheinen grenzenlos. Kunst ist hier von Haus aus ins Stadtbild integriert.

Nicht sicher vor ungefragten Ergänzungen — zwei der bekanntesten Graffiti auf der Karl-Heine-Straße

Die zahlreichen Galerien und Ateliers auf dem Gelände der ehemaligen Baumwollspinnerei und das nur wenige Schritte entfernte Kunstkraftwerk, zementieren Plagwitz‘ Status als kunstaffinstes Leipziger Stadtviertel. Allein auf dem Gelände dieser beiden Kult(ur)stätten haben sich zahlreiche Street Artists verewigt. In keinem anderen Stadtviertel ist Street Art derart experimentell und trägt zur Identität des Stadtbildes bei.

Freiheit aushalten / Bunte Kugeln / Respect Street Art
Best Of Paste-ups auf dem Spinnerei-Gelände in Plagwitz

Viele Auftragswerke, die im Leipziger Stadtgebiet verteilt sind, tragen die Signatur des in Connewitz ansässigen Graffitiverein e. V., der zahlreiche Fassaden von Wohngebäuden, Kitas und Schulen dekoriert hat. Die Malereien sind schön anzusehen und werten die Gebäude meistens stark auf. Die Präsenz des Graffitivereins zeigt, dass in der Stadt Akzeptanz für Straßenkunst aufgebracht wird. Mir als Betrachterin sagt die Signatur des Graffitivereins: Öffentliche Malerei wird so wertgeschätzt, dass sich Auftraggeber finden, die bereit sind, dafür Geld zu bezahlen. Straßenkunst ist so schick und in, dass auch öffentliche Einrichtungen ihr Image damit aufwerten möchten.

Zentrumsnahe Werke des Grafittiverein e. V.

Dagegen steht die Präsenz vieler anderer Sprühambitionen. Ist das Street Art oder kann das weg?, frage auch ich mich oft beim Anblick der unzähligen geschmierten Wörter, die die Hauswände der Stadt überziehen. Was häufig nach sinnlosen Verunstaltungen und ungebetenen ersten Graffiti-Übungen aussieht, wird in aller Regel illegal angebracht und wirft in meinen Augen doch immer wieder die eine drängende Frage auf: Wem gehört eigentlich die Stadt?

Mir?

Hinter so manchen Kürzeln verbergen sich rivalisierende Graffiti-Kollektive, die um die visuelle Vorherrschaft im Stadtviertel buhlen. Einige dieser sogenannten Tags lassen sich im ganzen Leipziger Stadtgebiet beobachten. Da wäre allen voran SNOW, ein Tag, der für „Süden, Norden, Osten, Westen“ steht, und sich seit den 90er Jahren erfolgreich an nahezu jeder Straßenecke festgesetzt hat. Auch andere Graffiti-Crews haben sich in der Messestadt verewigt. Ins Auge stechen mir immer wieder TACO, UKI, RCS, ORG und andere Verdächtige. Die Menge an Crew- und Einzel-Tags kennt keine Grenzen. Dahinter verbirgt sich die heimliche Welt der Sprayer*innen, deren Kürzel als stumme Zeugen nach nächtlichen Aktionen das Tageslicht erblicken und Nicht-Eingeweihten ein Rätsel aus unverständlichen Buchstabenkombinationen bleiben. Ist das nun Sachbeschädigung oder, wie Mitstreiter*innen des SNOW-Kollektivs in einem Interview behaupteten, bloße Sachveränderung? Und wenn ja, wozu?

Beispiele “viraler” Tags

Neben allerhand Tags gibt es noch die „sprechenden“ Hauswände, die von Sprüchen bevölkert werden, die wenig dekorativen Wert haben, sondern pinnwandartig mit mir als Fußwegpassantin in Kontakt treten. Manche haben etwas zu sagen, andere wollen nur smalltalken. „Why is it so dark in here?“, fragt mich eine Reudnitzer Hauswand. Ob sie die Besprühung verdient hat, ist eine andere Frage. Ironische und vor allem unbequeme Fragen sind bekanntermaßen keine Auftragswerke.

Ja, warum eigentlich? Dunkel, dreckig, Reudnitz eben.

Meine bisherigen Streifzüge haben viel Licht ins Dunkel gebracht und noch mehr Fragen aufgeworfen. Die Welt der Street Art ist ein eigenes Universum mit eigenem Vokabular und Insider-Wissen, das sich nur bedingt im Netz recherchieren lässt. Doch ich werde weiter mit wachem Blick nach gesprühten Botschaften und versteckten Kunstwerken Ausschau halten. In diesem Sinne: Bis zum nächsten Streifzug!

„Gridalo“ – Manifest der Zivilcourage

Wir leben in einer Welt, in der es machbarer scheint, fremde Planeten zu besiedeln, anstatt den Klimawandel abzuwenden. Zukunftsdystopien haben längst gewonnen und Utopien sind nur noch was für Realitätsverweiger*innen. Wer fühlt sie nicht? Die Ohnmacht im Angesicht der globalen Herausforderungen des 21. Jahrhunderts und die Unbedeutung des eigenen Lebens, obwohl wir doch so vernetzt sind wie nie zuvor. Du bist nur ein kleiner Mensch. Was kannst du schon bewirken?

Mehr als du denkst. Denn Geschichte wird von Menschen geschrieben und es sind die Geschichten von Einzelpersonen, die das große Ganze formen. Wenn Lebensgeschichten eine Stimme hätten, dann würden einige von ihnen besonders laut schreien. Es sind keine blinden Wutschreie, sondern Schreie der Empörung, die für das Leben einstehen, es verteidigen, es feiern. Schreie des Widerstandes gegen schreiende Ungerechtigkeiten, ein Aufruf zur Menschlichkeit, jener Menschlichkeit, deren Würde mehr wiegt als die Macht jeglicher politischen und wirtschaftlichen Systeme, mehr als die Willkür derer, die das Leben verachten.

Ein Buch wie ein Schutzschild

Im Oktober letzten Jahres erschien Roberto Savianos neues Buch „Gridalo“ – zu deutsch etwa: „Schrei es hinaus!“ Darin treffen wir auf Menschen, die für ihre Ideen und Überzeugungen eingestanden, sie mit jeder Faser ihres Seins verteidigt haben – und dafür einen hohen Preis zahlen mussten, oft keinen geringeren als ihr Leben. Saviano versammelt in seinem neuen Buch zahlreiche Persönlichkeiten, manche bekannt, manche unbekannt; Menschen, die Bewundernswertes geleistet, sich für Freiheit und Menschenrechte stark gemacht haben und trotzdem keine Heiligen waren, sondern Personen mitten aus dem Leben; Menschen, die scheinbar zur falschen Zeit am falschen Ort waren; aber auch Menschen, deren hasserfüllte Weltbilder wir zuerst demaskieren müssen, um ihnen dann entschieden entgegentreten zu können. Saviano möchte den Blick seiner Leser*innen schärfen und setzt viele Perspektiven zu einem Mosaik zusammen.

Auf dem Buchrücken heißt es: “Schrei hinaus, dass alles sich ändern kann. Schrei es laut. Ich möchte dich an einen Punkt mitnehmen, an dem du dich verlieren wirst. An den Punkt, an dem ich angekommen bin, damit du von dort aus aufbrechen kannst, wo ich nicht weitergekommen bin. Ich möchte nicht, dass du Wege zurücklegst, die schon festgetreten sind und die dich auf einem vorgezeichneten Pfad festhalten. Ich möchte dir keine Vorsicht lehren, im Gegenteil: Ich möchte dich an den Punkt führen, an dem Vorsicht zum Wagnis werden muss, und Weisheit zu Wagemut, denn vielleicht schafft man es nur so, einen neuen Weg zu zeichnen.”

Bevor wir uns auf den Weg machen, gibt Saviano den Leser*innen eine Karte in die Hand. Es ist keine gewöhnliche Karte, die zur besseren Orientierung dient, sondern eine Art moralischer Kompass, der ins Dickicht der entscheidenden Lebensfragen führt:

Die Landkarte in “Gridalo”: ein moralischer Kompass, der es in sich hat.

Mit dieser Landkarte unbequemer Fragen im Gepäck treffen wir auf Menschen, deren Geschichten eine Antwort sein können, Geschichten anhand derer Saviano Position bezieht und die einen oft sprachlos zurücklassen. Wir treffen beispielsweise Ipazia, Giordano Bruno, Anna Achmatowa, Robert Capa, Jean Seberg, Martin Luther King, Francesca Cabrini, Anna Politkowskaja, Jamal Khashoggi, Edward Snowden, Daphne Caruana Galizia und sogar George Floyd. Auch vor den Geschichten unerwarteter Personen schreckt Saviano nicht zurück, im Gegenteil. So wird zum Beispiel Joseph Goebbels‘ Psyche zum Lehrstück darüber, wie Propaganda funktioniert und wie wir sie entlarven können, um ihr nicht zum Opfer zu fallen. Emotional am stärksten hat mich allerdings die Geschichte eines jungen italienischen Architekten-Paares getroffen, die nach London ausgewandert sind, um ihr Glück fernab ihrer krisengebeutelten Heimat zu finden – doch dann kam auf tragische Weise alles ganz anders.

Die Auswahl der Geschichten wurde sorgsam getroffen und basiert offensichtlich auf den Einflüssen, die bestimmte Personen auf Saviano hatten. Damit ist es sein bisher persönlichstes Buch. Mitunter schreibt er in der Du-Form, wendet sich damit mal an die Leserschaft, mal an sein jüngeres Ich. Zwischen all diesen eindrücklichen Geschichten, die gleichzeitig ins Mark treffen und unheimlich lehrreich sind, fehlt allerdings eine, vielleicht die wichtigste. Die von Roberto Saviano selbst. Seine eigene findet sich in Spuren überall im Buch, denn sie ist eingewebt in die Erzählungen, die er ausgewählt hat. Ich möchte einen Versuch unternehmen, Savianos Geschichte zu ergänzen, wenn auch nur in einer Kurzform, die ihm nicht gänzlich gerecht wird.

Roberto hat sich in seinem eigenen Leben früh entschieden, wofür er einsteht. Mit gerade einmal 26 Jahren veröffentliche er sein Erstlingswerk „Gomorrha“, in der er detailliert die Machenschaften der Camorra, der neapolitanischen Variante der Mafia, beschreibt und anprangert. Diese mit Fakten aufgeladene Nonfiction-Novel ist stets weit mehr gewesen als ein Tatsachenbericht, sondern bezieht eindeutig Position: Die Camorra und das organisierte Verbrechen zerstören seine Heimatstadt Neapel, unterwandern die italienische Politik, sind gefährlich erfolgreiche Player auf der Bühne der internationalen Wirtschaft. Ihre Macht gründet sich auf Einschüchterung und Mord, umgeben aus Mauern des Schweigens in einem Klima der Angst. Seit eh und je wird Roberto vorgeworfen, er habe in seinem Erstlingswerk nichts Neues erzählt. Na und?

Roberto hat es geschafft, die Camorra auf eine Weise zu erzählen, die tausenden Menschen die Augen geöffnet und das Thema in die internationale Öffentlichkeit katapultiert hat. Es gibt eine Zeit vor „Gomorrha“ und eine danach, ein Erdstoß, der seinesgleichen sucht. Seither wird Roberto beschuldigt, er sei darauf aus, sich auf Kosten des guten Rufes Neapels und Italiens zu bereichern. Der Überbringer der schlechten Nachrichten wird zur größeren Zielscheibe als die eigentlichen Urheber des Übels. Es ist eine Parabel, die in der Menschheitsgeschichte immer wieder funktioniert hat und die auch in „Gridalo“ ein Hauptthema ist. Und dabei hat ein junger Mann für sein Buch lediglich den richtigen Ton gefunden, der die Leserschaft italien-, europa- und weltweit so getroffen hat, dass diese Geschichten auch die unseren geworden sind.

“Gomorra” (2006)

„Gomorrha“ (auf Deutsch mit h) verkaufte sich so gut, dass die Protagonisten – die kriminellen Clans der Camorra und ihre Ableger – das Buch nicht mehr ignorieren konnten. So viel Aufmerksamkeit schadet dem organisierten Verbrechen, das am besten in völliger Dunkelheit fernab des öffentlichen Schlaglichtes operiert und floriert. Je mehr Menschen Roberto zuhörten, desto mehr Morddrohungen erreichten ihn. Schon bald bekam er die Gewalt der Macht, mit der er sich angelegt hatte, zu spüren, als sein Buch sich nach der Erscheinung immer rasender verkaufte – bis heute weit über 2 Millionen allein in Italien und 10 Millionen weltweit, übersetzt in 52 Sprachen. Nach wiederholten Morddrohungen vonseiten der Clans, die in seinem Buch im Zentrum stehen, griff der italienische Staat ein und stellte Roberto unter Polizeischutz. Seither lebt er unter strengen Sicherheitsvorkehrungen an wechselnden Orten, teilweise im Ausland, stets mit einem mehrköpfigen Personenschutz an seiner Seite.

In Italien gibt es wahrscheinlich kaum eine Person, die keine Meinung über Roberto Saviano hat, natürlich unabhängig davon, ob seine Bücher gelesen wurden oder nicht. Er ist Nestbeschmutzer, Sündenbock, Hassfigur auf der einen und Antimafiaheld, Vorbild, Gewissen der Nation auf der anderen Seite. Roberto hat sich seit jenem verhängnisvollen Jahr 2006 nicht unterkriegen lassen und kämpft. Jeden Tag. Er ist präsent mit seinen Artikeln in großen Tageszeitungen, mit kritischen TV-Beiträgen, auf Social Media, längst nicht mehr nur zu Themen des organisierten Verbrechens, sondern als Multiplikator der Anliegen vieler Aktivist*innen und als Erklärer unzähliger politischer Zusammenhänge. Dank der großen öffentlichen Aufmerksamkeit ist er weiterhin Zielschiebe täglicher Schmähkommentare und Verleumdungen, aber gleichzeitig vor dem langen Arm seiner Widersacher geschützt.

Manchmal, in stillen Momenten, vielleicht darf Roberto dann auch kurz das sein, was wir alle sind: ein Mensch, kein Symbol. Einer, der unumstößlich an die Kraft des Wortes glaubt und davon überzeugt ist, dass sie den Lauf der Welt verändern kann. Stell dir vor, kein Mensch hätte sich für „Gomorrha“ interessiert und es wäre in den Bücherläden verstaubt… Deswegen wird Roberto nie müde zu sagen, dass es nicht Bücher sind, die den Mächtigen Angst einjagen, nein, es sind die Leser*innen, die vielen, vielen Augen, die diese Geschichten aufsaugen und zu ihren eigenen erklären. Erst dann bekommen Worte ein Gewicht, das die Mächtigen in Bedrängnis bringt. Lesen ist deshalb kein passiver Zeitvertreib, sondern eine aktive Schulung des Geistes, die Veränderung anstoßen kann.

„Gridalo“ erscheint 14 Jahre nach “Gomorrha” und präsentiert sich als Quintessenz all jener Persönlichkeiten und Geschehnisse, die Robertos Denken in seinem Leben unter Polizeischutz bisher geprägt haben. Es ist für mich mehr als ein Buch, das ich ins Regal stelle, sobald es ausgelesen ist; es ist eines der seltenen Bücher, die mit der Stimme eines Freundes sprechen, der dich bestärkt, dich auffängt, dich lehrt, dich aufwühlt, dich auffordert dort hinzuschauen, wo es am unangenehmsten ist – weil er dein Bestes will, nicht möchte, dass du die gleichen Fehler machst wie er, sondern deine eigenen begehst. Und dir die Welt mit seinem Blick zeigt, der dir so vertraut und trotzdem immer wieder neu ist. Um es mit den Worten J. D. Salingers zu sagen: „Was mich richtig umhaut, sind Bücher, bei denen man sich wünscht, wenn man es ganz ausgelesen hat, der Autor, der es geschrieben hat, wäre irrsinnig mit einem befreundet und man könnte ihn jederzeit, wenn man Lust hat, anrufen.“

↑ Hier im Bild: Weihnachten, Geburtstag und alle anderen Feste zusammen. ٩(˘◡˘)۶

Ich bin nur ein Mensch, einer wie alle anderen, die wir uns gleichen und doch so unterschiedlich sind; mit all unseren Geschichten schreiben wir gemeinsam Geschichte. Du kannst einen Unterschied machen, weil genau du in der Welt bist. Beim Lesen von „Gridalo“ habe ich durchweg ein Gefühl tiefer Dankbarkeit darüber verspürt, dass ich Italienisch als meine zweite Fremdsprache erwählt habe – meine über alles geliebte Adoptivsprache, die mich fast jeden Tag bereichert. Trotzdem bin ich schon sehr gespannt auf die deutsche Übersetzung und kann es kaum abwarten, sie zahlreich zu verleihen und zu verschenken.

Schrei, dass alles sich ändern kann.
Schrei, wenn auch in dir die Gewissheit zu siegen droht, dass sich niemals etwas ändern wird.
Gridalo che tutto può cambiare. Gridalo forte.

R. S.

Stadtmensch und Natur – ein kompliziertes Verhältnis?

Unser Obst und Gemüse kommt aus dem Supermarkt. Unsere Naherholung finden wir im Stadtpark. Wenn wir in unserem Alltag nach Natur suchen, häufen wir Zimmer- und Balkonpflanzen an und – wer es sich leisten kann – richtet sich eine Privat-Oase im Schrebergarten ein. Da stellt sich die Frage: Ist das noch Natur oder eigentlich nur Seelenkosmetik? Welchen Bezug haben wir modernen Stadtmenschen zur Natur, zur Wildnis – und zu uns selbst?

Natur, wo bist du?

Gerade während der Zeit des Lockdowns habe ich oft diese Tage, an denen ich mich so fühle: Ich will raus, aber nicht „raus“, sondern richtig RAUS – zum Beispiel in den Schwarzwald oder nach Skandinavien, irgendwohin wo die Wälder endlos scheinen und der Mensch zu einem ganz kleinen trollartigen Wesen schrumpft, das nur eines unter ganz vielen ist, umgeben von dichten Bäumen, die hier schon lange vor meiner Zeit friedlich geherrscht haben und auch lange nach mir – hoffentlich – noch das Bild bestimmen.

Schwarzwald I

Wenn wir bewusst auf die Geräusche im Park und im Stadtwald lauschen, dann nennt sich das für uns Stadtmenschen „Achtsamkeit“, weil wir so etwas in unserem hektischen, digitalen Alltag nicht von alleine tun, sondern aktiv (wieder-)erlernen müssen. Smartphones zu bedienen, Webseiten zu bauen und Trends auf Social Media zu erkennen – das sind die Skills der Zeit. Pflanzen zu bestimmen, Tierspuren zu lesen und das Wetter einzuschätzen… das ist eher was für Natur-Nerds oder Leute, die sowas vom Studium aus können müssen, denn etwas derartiges braucht der moderne Stadtmensch zur Orientierung in seiner Lebenswelt nicht. Das sind keine profitablen Fähigkeiten, nur Spezialinteressen. Der moderne Stadtmensch müht sich an seinen Zimmerpflanzen ab und wundert sich, wenn schon wieder eine eingegangen ist. Das ist eben unsere moderne Natur. Oder?

Zurück zur Natur?

Dass der Mensch zurück zur Natur müsse, ist keine Idee des 21. Jahrhunderts. Schon früher hat man sich darum gesorgt, dass der Mensch sein Band zur Natur verliere. Zum Beispiel im 18. Jahrhundert beobachtete Jean-Jacques Rousseau, dass die Zivilisation den Menschen korrumpiere und dazu führe, immer mehr materielle Güter anzuhäufen und sich in Wettbewerb mit seinen Mitmenschen zu begeben. Man orientierte sich an den anderen, vor allem an denjenigen, die (scheinbar) mehr besaßen als man selbst – so reich, schön und angesehen wie nur möglich wollte man sein. Kennen wir, nicht? Rousseau behauptete, der Mensch verhalte sich so, weil er sich von seinem Naturzustand entfernt habe. Konträr zu Hobbes Menschenbild ist der Mensch in seinem ursprünglichen Zustand keine Bestie, die erst durch Herrschaft gebändigt werden müsse, sondern im Grunde friedfertig und gut – solange ihn das Stadtleben, kurz: die Zivilisation, nicht verdirbt.

Willkommen im Stadtwald 🙁

Leipzig ist eine vergleichsweise grüne Großstadt mit vielen Parks und beträchtlichem Stadtwald. Doch wo viele Menschen sind, tummeln sich alle dort, wo es am schönsten ist, besonders wenn die Sonne scheint. Der Leipziger Stadtwald ist bevölkert von Projekten, die ein Leben und Arbeiten mit der Natur simulieren, aber auch an jeder Ecke deutlich machen: Hier war Mensch. Und der Stadtwald hat klare Grenzen, die nächste Straße ist nie weit. Sich darüber zu ärgern bringt nichts, denn ich bin ja freiwillig in die Stadt gezogen, um all ihre Vorteile zu genießen. Über die Nachteile kann ich immerhin halbwegs naturverbunden in einem Tipi meiner Wahl sinnieren…

SOS: Steigende Mietpreise drängen Leipziger*innen zum Umzug in den Stadtwald

Ich wundere mich oft: Ist die Verbindung zur Natur eine, die wir tatsächlich verlieren können? Der Mensch ist Natur. Das mag biologisch gesehen klar und banal sein. Doch was bedeutet das wirklich für unsere Lebensrealität? Sind wir uns bewusst, dass wir Natur sind? Gehen wir mit uns selber so um, wie wir mit der Natur umgehen? Ja, leider ja. Wenn wir miteinander (und uns selbst) so respekt- und liebevoll umgehen würden wie wir große Landschaften betrachten – reißende Flüsse, ewige Wälder, die Dunkelheit unbekannter Meerestiefen, die Ehrfurcht einflößenden Höhen der Berge, die allumfassende Macht von Stürmen, Tsunamis, Erdbeben, Vulkanausbrüchen. Natur macht demütig. Wir sind Natur und wenn wir die Natur nicht respektieren, dann passiert das, was überall auf der Welt geschieht: Wir respektieren auch nicht einander, auch nicht uns selbst.

Natur als spiritueller Weg und heilende Kraft?

Ist es nicht eine narzisstisch-patriarchale Wahnvorstellung, dass Gott – sofern es ihn denn gibt – männlich ist und unsere Spezies nach seinem Ebenbild schuf? Da will irgendetwas nicht aufgehen. Weitaus sympathischer begegnet mir die Vorstellung, dass das Göttliche überhaupt kein körperliches Wesen mit bestimmbarem Willen ist, sondern die Natur in ihrer Gesamtheit, die Natur als übermächtiges, launenhaftes Wesen, das jedes einzelne Lebewesen durchdringt und der wir alle unterworfen sind – und die uns die Bedingungen des Lebens überhaupt erst reichlich zur Verfügung stellt. Nicht Untertan soll sich der Mensch die Erde machen, sondern als Teil des großen Ganzen all das pflegen, was wachsen und gedeihen möchte, und das schließt alle Mitlebewesen ein.

Schwarzwald II

Bist du schon mal in einem tiefen Wald gewesen und hast all deine Alltagssorgen vergessen? Oder hast das Meer betrachtet, die Wellen, die kommen und gehen, und ihren eigenen Willen zu haben scheinen? Natur lässt dich so sein wie du bist. Du musst nichts leisten, niemanden beeindrucken, du kannst einfach sein – so wie es deiner Natur entspricht. Natur fordert und erwartet nichts von dir. Die Zeit fließt wieder in ruhigen Bahnen. Für die Natur zählt der Moment. Bist du jetzt gerade präsent? Spürst du deinen Atmen? Hörst du das Rauschen der Blätter und das Singen der Vögel? Oder… nur das deines Computer, so wie ich gerade? 😉 Natur lehrt uns Geduld. Um ihr volles Potential zu entfalten, braucht es manchmal nur einen Augenblick, manchmal Jahre, Jahrmillionen. Alle Wege sind richtig, wir alle entfalten uns im Tempo der eigenen Natur, darauf sollten wir ein Recht haben, so wie die Natur ein Recht auf Unversehrtheit haben muss.

Schwarzwald III

Und Natur lehrt uns Resilienz. Der älteste bekannte Baum der Welt ist „Old Tjikko“ und steht in einem schwedischen Nationalpark. Sein Alter wird auf über 9500 Jahre geschätzt. Als ich davon zum ersten Mal hörte, stellte ich mir „Old Tjikko“ so imposant vor, wie ein steinalter Baum nur sein kann – und war verwundert, als ich ihn auf Bildern sah. In Wahrheit handelt es sich um eine halbkahle Fichte, die etwas unbeholfen in die Höhe ragt. Das Beeindruckende ist nicht das, was oberhalb liegt, denn der Stamm wird nur einige hundert Jahre alt – und stirbt. Über viele Jahrtausende erhalten bleibt jedoch das Wurzelwerk, das nach dem Absterben eines Stammes wieder einen neuen hervorbringt und doch das gleiche Wesen bleibt.

Schwarzwald IV

Der Natur wohnt eine heilende Kraft inne. Wenn ich so etwas als (semi-)überzeugter Stadtmensch und eigentlicher Atheist sage, komme ich mir ein wenig pseudo-spirituell vor. Dabei spüre ich, wenn ich von echter Natur umgeben bin, genau das Gegenteil: Nämlich, dass alle Kategorien und Rechtfertigungen aufhören und ich einfach zur Ruhe komme. In einer Studie wurde kürzlich sogar herausgefunden, dass Stadtbäume nachweislich einen positiven Effekt auf die Psyche haben und antidepressiv wirken. Und da reden wir nur von Stadtbäumen, den stillen Kriegern zwischen Beton, Feinstaub und Abgasen. Was dann wohl ein längerer Aufenthalt im Wald bewirken kann? Sicherlich nicht weniger als so manche Therapie. Warum ist Natur-Therapie eigentlich noch kein Ding? In der Zwischenzeit tröste ich mich mit der Musik der Pagan-Folk-Band „Heilung“, die jedes ihrer Live-Konzerte mit dem folgendem Mantra eröffnet:

Remember that we all are brothers,
All people,
and beasts and trees,
and stone and wind.
We all descend from the one great being
That was always there
Before people lived and named it
Before the first seed sprouted.

Heilung
Pilzfamilie im Schwarzwald

Besser Italienisch lernen: Erprobte Empfehlungen

Was braucht es, um die Früchte des Sprach-Erfolgs zu ernten? Zitronenbäume!

Eins vorweg: Ich habe noch nie ein italienisches Grammatik-Lehrbuch von innen gesehen. Und das ist auch gut so, denn Sprachen lernen sich am besten aus dem Kontext heraus. Lehrbücher sind sowieso zunehmend out, denn es gibt mittlerweile eine Lawine an Medien, mit denen es sich viel unterhaltsamer und kreativer lernen lässt. Das gilt besonders für Italienisch – meine Lieblingsadoptivsprache.

Nachdem ich in den letzten Jahren einige (teilweise sehr gute) Präsenz-Sprachkurse besucht habe, bin ich mittlerweile coronabedingt und videokonferenzmüde zum reinen Selbststudium zurückgekehrt und damit aktuell zufrieden. Wer Lern-Ressourcen für Italienisch sucht, hat die Qual der Wahl. Ich möchte deswegen keine ausufernden Empfehlungslisten erstellen, die mit ihrem Informations-Overkill keine echte Entscheidungshilfe sind – solche gibt es schon zuhauf. Lieber stelle ich einige Medien vor, die mir persönlich besonders gut gefallen und von denen ich der Meinung bin: Als Lernende*r der italienischen Sprache solltest du das unbedingt kennen! Cominciamo!

Auf geht’s…

Videos und Podcasts

Auf Youtube gibt es Unmengen von Kanälen, die sich der Vermittlung der italienischen Sprache verschrieben haben. Da die Konkurrenz also nicht gering ist, wird man leicht fündig und letztlich ist es eine reine Geschmacks- und Sympathiefrage bei welchen Lehrer*innen man hängenbleibt. Der italienischen Sprachlehr-Community, die mich am besten abholt, ist gemeinsam, dass sie einen sprachwissenschaftlichen Hintergrund mitbringt und ihre Muttersprache mit viel Leidenschaft und Kreativität an die Lernenden bringt. Meine persönlichen Favoriten, die ich regelmäßig schaue und höre, lassen sich einkreisen auf:

I. Learn Italian with Lucrezia

– auch bekannt als der wahrscheinlich populärste Kanal zum Italienischlernen. In den Weiten des Internets ist Lucrezia mittlerweile zur inoffiziellen Botschafterin der italienischen Sprache und Kultur avanciert. In ihren Videos erklärt sie mit vielen guten Beispielen bestimmte Sprachaspekte. Am Ende gibt es oft ein kleines Quiz zum spielerischen Selbsttest. So macht Grammatiklernen Spaß. Die Einheiten sind stets kurz und knackig und eignen sich damit perfekt zum Zwischendurchschauen. Neben zahlreichen Lerntipps, findet man bei Lucrezia die wahrscheinlich besten italienischen Alltags-Vlogs. So schauen wir ihr beim Kochen, Backen und Schlemmen über die Schulter, sind dabei, wenn sie ihren allabendlichen Aperitif genießt und die Geschichte hinter der Tradition erzählt. Außerdem begleiten wir sie beim Einkaufen, beim Gassigehen mit ihrem Hund Famas – ein absoluter Zuschauerliebling – und auf all ihren Wegen durch ihre Heimatstadt Rom. Gerade in Lockdown-Zeiten ein echter Trost für alle, die wenigstens virtuell ein bisschen Zeit in der italienischen Hauptstadt verbringen möchten.

Von mir empfohlenes Lernlevel: ab A2, Option für englische Untertitel ist in der Regel vorhanden

II. LearnAmo

Direkt aus dem schönen Apulien beglücken uns Graziana und Rocco mit ihrem Kanal LearnAmo. LearnAmo hält eher klassische Themen der italienischen Sprachwelt bereit, liefert aber auch echte kulturelle Insider-Tipps, die oft von Grazianas humorvoller Art begleitet werden. Immer mal wieder gibt es kleine Selbsttets. Besonders zum Festigen der Grammatik finde ich diesen Kanal sehr wertvoll, denn er nimmt mir genau das ab, worauf niemand wirklich Lust hat: das Wälzen von Grammatik-Büchern. Rocco und Graziana gehen auf typische Fehler ein und liefern viele beispielhafte Dialoge. In die Videos fließt sichtbar viel Arbeit und Leidenschaft mit dem Anspruch, Lernende auf allen Sprachniveaus abzuholen. Um zwischendurch wieder zu entspannen, darf auch der gelegentliche Ausflugs- und Reise-Vlog nicht fehlen. LearnAmo punktet für mich aber vor allem in der Videogestaltung und in Sachen Humor.

Von mir empfohlenes Lernlevel: A1-B2, Option für englische Untertitel ist in der Regel vorhanden

III. Podcast Italiano

Mein Lieblingskanal ist Podcast Italiano von Davide aus Turin. Auch wenn der Titel des Projekts nicht gerade vor Kreativität sprüht, so ist er wahnsinnig effektiv, weil er in der Suche quasi sofort auftaucht. Denn Davide produziert nicht nur Videos, sondern stellt auch kostenfreie Podcasts, z. B. auf Spotify, zur Verfügung. Da ich persönlich Podcasts noch lieber mag als Videos, komme ich hier voll auf meine Kosten.

Während es im Podcasts meistens um Meinungen, kulturelle Betrachtungen und das ein oder andere Interview geht, widmet sich Davide in seinen Videos besonders linguistischen Reflexionen. Seine spannenden Analysen zur Entwicklung und Bedeutung der italienischen Sprache haben ihm sogar viele italienische Abonennt*innen eingebracht. Wenn ein Sprachlernkanal sogar Muttersprachler*innen begeistert, ist das ein sicheres Indiz dafür, dass die Inhalte fundiert aufbereitet sind.

Wie bei jedem guten Youtube-Kanal dürfen auch Vlogs nicht fehlen, ob man sie nun mag oder nicht. So nimmt uns Davide immer mal auf Wegen durch seine Heimatstadt Turin mit oder auf Ausflüge in die umliegenden Alpen. Davides Videos und Podcasts verfolgen nicht den Anspruch, italienische Gemeinplätze und Traditionen zu beleuchten – was mir persönlich sehr zusagt. Nichtsdestotrotz kann man viel Neues lernen, z. B. über Dantes Göttliche Komödie, die Grundzüge der für Außenstehende super verwirrenden italienischen Politik, die italienischen Dialekte und überhaupt ganz viel Insider-Wissen über Etymolgie, unlogische Grammatik und Rechtschreibung und alles, was eingefleischte Italienisch-Sprach-Fans noch interessieren könnte.

Einziger Nachteil: Nicht alle Videos sind konsequent Englisch untertitelt – aber immerhin Italienisch und manchmal auch in anderen Sprachen (außer Deutsch). Anfänger*innen schauen sich deshalb lieber auf anderen Kanälen um. Für Etymologie-Fans mit mittelprächtigen bis fortgeschrittenen Kenntnissen kenne ich allerdings keinen besseren Kanal.

Von mir empfohlenes Lernlevel: B1-C2

…zu neuen Sprach-Ufern, zum Beispiel nach Procida.

Filme und Serien

Auf allen zuvor genannten Youtube-Kanälen gibt es mindestens ein Video, das sich mit italienischen Serien und Filmen beschäftigt. Ich gehe daher nur auf meine ganz persönlichen Favoriten ein. Italien ist bekannt für – wer hätte es gedacht – gute Crime-Serien und Dramen, egal ob mit oder ohne Mafia, mit oder ohne Liebe. Allein auf Netflix lassen sich Serien und Filme finden, die in jedem Fall sehenswert sind, selbst wenn man gar kein Italienisch lernt. Nutzt man Serien und Filme aber wirklich zum Lernen, dann sind die italienischen Regionalsprachen, vereinfacht oft Dialekte genannt, die größte Herausforderung. Empfehlenswert ist deshalb eine Kombination aus Originalton und Untertiteln. Hier meine Favoriten aus den letzten Monaten:

Filme

I. La vita davanti a sé / Du hast das Leben vor dir (2020)

Wir sind im süditalienischen Bari. Momo ist 12, lebt auf der Straße und schlägt sich mit Diebstählen durch. Seine Mutter, mit der er Jahre zuvor aus dem Senegal geflohen war, ist tot. Doch Dr. Cohen, der den Jungen gut kennt, hat eine Idee: Die alte Madame Rosa soll sich ihm annehmen. Damit sie nicht in öffentlichen Einrichtungen landen, kümmert Madame Rosa sich mit liebevoller Strenge um verwaiste und halbverwaiste Kinder. Momo und Madame Rosa sind zunächst wenig voneinander begeistert, denn immerhin hat er sie auf dem Markt ihrer Tasche beraubt. Aber da beide eine ähnliche Sturheit besitzen, freunden sie sich widerwillig miteinander an. Momo ist trotz allem nicht bereit, seine kleinkriminellen Aktivitäten gänzlich einzustellen. Und dann fängt Madame Rosa auch noch immer öfter an, sich wie eine alte Verrückte zu benehmen, die sich tagsüber im Keller verkriecht. Was ist da los? Nur vorsichtig lüften sich die Geheimnisse um Madame Rosas Vergangenheit und Momo gibt ihr ein besonderes Versprechen, das er unbedingt halten will.

Der Film basiert auf dem französischen Roman La vie devant soi von Romain Gary und spielt eigentlich in Paris. Die Verlegung des Handlungsortes nach Bari klappt aber wunderbar. In der Hauptrolle spielt Sophia Loren, eine der großen, sagenumwitterten Diven der Filmgeschichte. Aber das ist nicht das Beeindruckendste am Film, denn alle Charaktere sind mit ihren Ecken und Kanten liebenswert. Sprachlich bekommen wir Anklänge des apulischen Dialekts zu hören, aber da die Dialoge nicht wahnsinnig komplex sind, lässt sich der Film entspannt schauen.

II. Sulla mia pelle / Auf meiner Haut (2018)

Dieser Film ist harter Tobak. Er basiert auf der wahren Geschichte von Stefano Cucchi, der für einen kleinen Drogendelikt in U-Haft landet und von Polizeibeamten verprügelt wird. Vergeblich versucht seine Familie, Kontakt zu ihm aufzunehmen, wird aber von den Beamten wiederholt abgewiesen. Nach wenigen Tagen verstirbt Cucchi – unter dubiosen Umständen. Der Fall löste 2009 in Italien einen großen Aufschrei aus und führte 2018 schließlich zur Verurteilung der involvierten Carabinieri.

Am besten mit Untertiteln anschauen, denn der römische Dialekt zieht sich durch den gesamten Film.

III. Roberto Saviano: Uno scrittore sotto scorta / Ein Autor unter Polizeischutz (2016)

Wie lebt es sich als Schriftsteller, der von der Mafia mit dem Tode bedroht wird? Sind Menschen, die sich mutig gegen das organisierte Verbrechen stellen, besser als alle anderen, besser als der Normalbürger, der den Weg des geringeren Widerstandes wählt – oder sind auch sie nur Menschen wie du und ich? Das in etwa fragt sich der sizilianische Schauspieler und Moderator Pif. Über mehrere Tage begleitet er den Autor Roberto Saviano, der für seine journalistische Antimafia-Arbeit seit vielen Jahren unter Polizeischutz lebt. Zustande gekommen sind sehr persönliche Einblicke in Savianos komplizierten, klaustrophobischen Alltag. Wir lernen Roberto, also den Menschen hinter der Figur Saviano, die von ihrem Antimafia-Heldenstatus so überstrahlt wie überschattet wird, ein bisschen besser kennen. Eine sehr menschliche Begegnung, die nicht ohne Humor auskommt und mich trotzdem mit einem mulmigen Gefühl zurückgelassen hat.

IV. Caffè Sospeso – Kaffee für alle (2017)

Und jetzt noch etwas leichteres, nämlich eine Dokumentation, die nicht ausschließlich auf Italienisch ist, sondern teilweise auch auf Spanisch und Englisch – ein dreifaches Spracherlebnis. 😉 In Caffè Sospeso lernen wir eines der wichtigsten italienischen Kulturgüter näher kennen: den Kaffee, das gebrüht-berüchtigte Heißgetränk schlechthin. Aber nicht irgendeinen Kaffee, sondern il caffè, der die Lebensphilosophie der gemeinsamen Zeit verkörpert, die man beim Kaffeetrinken miteinander teilt, und die alle, egal ob arm oder reich, aneinander bindet und Fremde zu Freunden werden lässt. Wir reisen nach Napoli, wo die Tradition des caffè sospeso (zu deutsch etwa „schwebender/aufgeschobener Espresso“) ihren Ursprung hat und ein Zeichen alltäglicher Nächstenliebe ist. In New York treffen wir auf eine italienisch-amerikanische Familiengeschichte, die untrennbar mit dem Mythos des caffè verbunden ist. Und wir gehen in ein altes Kaffeehaus in Buenos Aires, in dem die Geschichten der Gäste dank der Magie des Kaffees authentisch und lebendig werden.

Napoli – beliebter Handlungsort vieler Serien, Filme und Bücher.

Serien

I. Suburra (2017-20)

– nicht zu verwechseln mit Gomorra, der wahrscheinlich bekanntesten und erfolgreichsten Mafia-Serie. Obwohl es in Suburra auch um kriminelle Clans geht, ist die Serie nicht das römische Pendant zu Gomorra, kann es aber erzähl- und spannungstechnisch durchaus damit aufnehmen. In Rom teilt eine Hand voll alter Clans seit jeher die Macht unter sich auf. Die neue Generation spielt jedoch nach anderen Regeln und es kommt zu Konflikten. Im Streit um die Verheißung auf absolute Macht kommen sich allerdings nicht nur einige alte und herangewachsene Mafiosi in die Quere, sondern auch die Politik möchte ein Stück vom fetten Kuchen abhaben. Und wie sich das in Rom gehört, ziehen auch noch Vertreter des Vatikans im Hintergrund ihre Strippen.

Wie auch in Gomorra (sorry, dass ich es wieder erwähne, aber der Vergleich drängt sich doch auf) treffen die Hauptcharaktere in Suburra absolut verabscheuenswerte Entscheidungen und werden doch von nachvollziehbaren Motiven getrieben. Immer wieder gibt es Momente und Entwicklungen, die sogar menschlich sind, fast berührend: enge Freundschaft, tiefe geschwisterliche Bindung, dieses Wir-gegen-den-Rest-der-Welt. Doch in der Welt des Verbrechens ist Vertrauen keine langlebige Währung und was heute gilt, wird morgen zur größten Schwäche. Man kann die Charaktere in Suburra sogar heimlich mögen – wobei ich sie eher bemitleidet habe. In Suburra wird hauptsächlich im römischen Dialekt gesprochen. Der wiederum weicht von der Standardsprache nicht besonders stark ab. Untertitel an und die Story läuft.

II. Baby (2018-20)

Auch in der Netflix-Serie Baby sind wir in Rom, diesmal an einem Elite-Gymnasium. Die jugendliche Chiara führt ein scheinbar behütetes Leben in einem der wohlhabendsten Stadtviertel. Was jedoch nach Bilderbuch-Familie aussieht, steckt in Wahrheit voller schwelender Konflikte. Ludovica hingegen lebt mit ihrer alleinerziehenden und chronisch überforderten Mutter in eher bescheidenen Verhältnissen, das Geld für die teure Privatschule aufzubringen, ist ein ständiger Drahtseilakt. Doch Ludovica ist nicht verlegen darum, das nötige Geld auf anderen Wegen zu beschaffen. In der Schule hat sie dadurch schon bald mit Verleumdungen und Ausgrenzung zu kämpfen. Chiara ist von Ludovicas Wagemut und ihrer draufgängerischen Art fasziniert und lässt sich nach und nach auf das gleiche gefährliche Doppelleben ein. Und auch bei Chiaras und Ludovicas Mitschüler*innen ist vieles mehr Schein als Sein, denn alle durchleben ihre eigenen Tragödien, die sich in die Hauptstory einflechten. Was zunächst wie eine Teenie-Serie anmutet, entpuppt sich zu einem spannenden Mix aus Coming of Age, Crime und Drama, der erschreckenderweise nicht besonders weit von der (möglichen) Realität entfernt ist. Schließlich basiert die Story lose auf der wahren Geschichte zweier Schüler*innen aus Rom, die in einen Prostitutionsring verwickelt waren – bis dieser aufflog.

Zugegeben, ich habe diese Serie mehr geliebt, als ich jemals erwartet hätte! Den römischen Dialekt habe ich anders als in Suburra nicht als prägend wahrgenommen. Stattdessen bekommt man einen guten Eindruck von der italienischen Jugend- und Alltagssprache und kann sich ein paar Floskeln abgucken.

III. Il Processo (2019)

Eine 17-Jährige wird unter mysteriösen Umständen ermordet. Dahinter verbirgt sich nicht weniger als ein Geflecht aus Intrigen und Korruption. Eine engagierte junge Staatsanwältin setzt alles daran, den Tathergang aufzudecken und für Gerechtigkeit zu sorgen. Ihr Konkurrent, ein gewiefter Verteidiger, wittert die große Chance, seine Karriere voranzubringen. Und was hat es mit den privaten Verwicklungen auf sich, die die Justizvertreter mit dem Opfer und den Tatverdächtigen verbinden?

Bei dieser Serie habe ich eine Aufwärmphase gebraucht, aber schon nach der zweiten Folge musste ich unbedingt wissen, wie es weitergeht. Der verbale Schlagabtausch in den gerichtlichen Verhandlungen ist unheimlich spannend. Die Dialoge sind deshalb nicht immer locker und flockig, aber dafür auf Standarditalienisch, also ohne Dialekt. Und als Bonus gibt es regelmäßig das schöne Stadtpanorama von Mantua zu sehen.

Bücher

Romane in Originalsprache zu lesen, gilt wahrscheinlich für alle Sprachlernenden als absolute Königsdisziplin. Da ich von gekürzten und vereinfachten Texten sehr wenig halte, gehen für mich natürlich nur richtige Bücher. Aber wo fange ich an?

Selbst wenn du glaubst, dass deine Sprachkenntnisse endlich gut genug sind – nimm ein Buch zur Hand und du hast wieder das Gefühl, maximal die Hälfte zu kapieren. Diese Erfahrung kann sehr schmerzhaft sein, aber auch unheimlich motivierend. Denn wer es mit einer Sprache ernst meint, will auch sie meistern: die Original-Literatur. Und in dieser Kategorie hat Italien sehr viel zu bieten, sofern man bereit ist, sich darauf einzulassen. Wichtigste Voraussetzung um klein, aber trotzdem original anzufangen: Du kennst die Grundlagen der Sprache und hast einen soliden Alltagswortschatz. Ab dem Niveau B1/B2 kann man sich getrost an längere Texte heranwagen.

Die Bücher aus der Reclam-Reihe Fremdsprachentexte sind für den Anfang optimal. Alle Wörter, die nicht standardmäßig im Aufbauwortschatz vorkommen, werden am unteren Seitenrand mit deutscher Übersetzung aufgeführt. So kommt man in den Genuss erfolgreicher italienischer Original-Literatur, ohne sprachlich komplett zu verzweifeln. Als gestalterischen Bonus haben die Bücher immer ein praktisches Handtaschenformat in einheitlicher roter Aufmachung – perfekt zum Mitnehmen. Aus der Reihe kann ich besonders den Roman Io non ho paura von Niccolò Ammaniti empfehlen, der für mich in die Kategorie Musst-du-lesen gehört und auch in Italien ein moderner Klassiker ist. Die gleichnamige Verfilmung steht dem Buch in fast nichts nach und eignet sich super, um hinterher zu prüfen, ob man alles richtig verstanden hat. 😉

Musst du lesen!

Überaus gern empfehle ich außerdem Il rumore dei tuoi passi von Valentina D’Urbano – und das ganz ohne deutsche Anmerkungen. Meiner Meinung nach ist es eines der seltenen Bücher, das sowohl mit einer spannenden und ergreifenden Handlung aufwartet als auch stilistisch simpel genug geschrieben ist, um als Nichtmuttersprachler*in alles hautnah miterleben zu können. Ich liebe diesen Roman einfach, auch wenn er – wie man von mir erwarten kann 😉 – eher bedrückend ist.

Wenn du nun diese beiden Bücher gelesen hast – und vielleicht noch ein anderes aus der Reclam-Reihe –, dann bist du bereit für alle weiteren Abenteuer. Jede*r Autor*in hat einen eigenen Stil, manche lassen sich (gerade für Lernende) besser lesen als andere und wie so oft ist es letztlich Geschmackssache. Den einzigen Literatur-Tipp, den ich dir wirklich uneingeschränkt ans Herz legen kann, ist folgender: Trau dich! Lies das, was dich interessiert! Es wird ein holpriger Weg, aber ein wunderschöner – auch das soll es geben. Zu guter Letzt lohnt es sich manchmal, auf kluge Sprüche zu hören, zum Beispiel auf diese chinesische Weisheit, die mir in Italien auf einem hübschen Lesezeichen begegnet ist:

Anche il viaggio più lungo inizia con il primo passo.

proverbio cinese

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